Fußball-Lektion - Taktisch klug: Was Torhüter vom Rest des Teams unterscheidet Er muss sich anders kleiden als seine Mitspieler, er genießt besonderen Schutz, er darf als einziger im Strafraum die Hand benutzen. Doch das war nicht immer so. Eine Regel- und Stilkunde des Fußballtormanns.

Vorbei die Zeit, in der ein Keeper "den Ball über die Mittellinie drosch", erinnert sich Uwe Kamps. Der 49-Jährige bestritt bis 2004 in Gladbach über 390 Bundesliga-Partien. Er sagt, er habe die Torlinie ungern verlassen. Dann wurde er an gleicher Stelle Torwarttrainer und bekam diesen ehrgeizigen Jungen aus der Vorstadt Rheydt zugeteilt. Kamps nahm den beidfüßig begabten ter Stegen schon als 17-Jährigen in seine Trainingsgruppe auf. Er half ihm über die Wochen, Monate und Jahre, weit mehr Fähigkeiten zu entwickeln, als er selbst je hatte. Seit es die Regeln einem Torwart untersagen, den Ball im Strafraum mehr als einmal aufzunehmen, hat eine neue Ära begonnen. Auf die hat Kamps sein Training konsequent zugeschnitten: Er lässt seine Talente nicht nur Bälle fangen und abschlagen, sie spielen auch regelmäßig mit dem Ball am Fuß. Inzwischen bringe sich ter Stegen "wie ein elfter Feldspieler" ein, sagt Kamps.

Als der Torwarttrainer im Frühjahr 2011 von den Plänen des neuen Schweizer Cheftrainers Lucien Favre erfuhr, den 18-jährigen ter Stegen ausgerechnet zum rheinischen Derby gegen Köln zum ersten Torwart zu befördern, war er nicht erfreut. Kamps glaubte, der junge Spieler würde überfordert. "Er könnte vom Alter her mein Sohn sein", sagt Kamps. Dieses Zusammenspiel aus Anerkennung und Empathie schwingt in jedem seiner Sätze mit. Beim Debüt ter Stegens lag die Borussia scheinbar aussichtslos am Tabellenende. Die Entscheidung für den jungen Torwart hätte für die Niederrheiner leicht im Desaster enden können. Tatsächlich geschah das Gegenteil: Ter Stegen ließ nur drei Gegentore in den letzten sechs Spielen zu und rückte ins Zentrum einer der überraschendsten Rettungsaktionen in der Bundesliga-Geschichte. Über Nacht wurde aus einem unbekannten Teenager ein Fußballheld. Vielleicht kann eine Karriere, die unter solch extremen Bedingungen im Fokus der Öffentlichkeit startet, nicht im normalen Tempo weiter verlaufen.

Wenn man ter Stegen länger kennt und beobachtet, dann fallen zwei Dinge auf: Er ist ein zurückhaltender, fast schüchterner Mensch und hat ein ausgeprägtes Gespür für die eigenen Stärken und Schwächen. Er besitzt die Fähigkeit zur Selbstreflektion, wie sie Spieler seines Alters selten haben. In einem Interview erzählte ter Stegen einmal, dass er eigentlich gerne Stürmer geworden wäre. Auf dieser Position hat er sich bis zur D-Jugend hinauf wieder und wieder ausprobiert. Sein Komplize Kamps saß neben ihm. "Na los, sag’s schon!", empfahl er ihm. "Die Trainer meinten damals", fügte ter Stegen hinzu, "dass ich so einen Scheiß-Laufstil hätte. Das wurde besser, als ich Torwart wurde. Und am Ende war’s ganz gut so."

Marc-André ter Stegen hat keine Angst vor Konfrontationen – er sucht sie

Er überzeugte in allen DFB-Auswahlmannschaften, von der U16 bis zur U21. Matthias Sammer, damals Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes adelt ihn als "positiv Fußballverrückten". Er war auch nicht überrascht, als ter Stegen in Mönchengladbach noch vor dem Fachabitur Stammkeeper wurde.

Seine Auftritte als Torwart sind keineswegs frei von Fehlern. Unvergessen für die meisten Zuschauer war das blamable Auftreten ter Stegens beim 3 : 4 der Deutschen Nationalmannschaft gegen die USA im Juni des vergangenen Jahres in Washington. Ter Stegen schien "von allen guten Geistern verlassen", titelten die Zeitungen. Beim Versuch, einen Rückpass aufzunehmen, versprang ihm der Ball und trudelte ins deutsche Tor. Manch anderer wäre nach dem Schlusspfiff leise an den Journalisten vorbeigeschlichen und von Kopfhörern beschützt in den Mannschaftsbus geklettert, ter Stegen jedoch stellte sich den Fragen der Meute: "Mir braucht keiner auf die Schulter zu klopfen. Ich weiß, was passiert ist." Ter Stegen hat keine Angst vor Konfrontationen – er sucht sie. Die Ruhe, mit der er sich einordnet, imponiert ebenso wie die Schonungslosigkeit bei der Fehleranalyse. Es seien oft gar nicht die Erfolge, hat Kamps ihm mal gesagt, an denen ein Torwart noch ein Stück wachse, sondern Situationen wie die in Washington. Es war ein Fehler, der schwerwiegende Folgen haben könnte. Seit der Partie gegen die USA spielte ter Stegen nicht mehr für den DFB, ob er von Nationaltrainer Joachim Löw für die WM nominiert wird, ist noch unsicher.

Trotz des folgenschweren Erlebnisses scheint ter Stegen den Rat seines Mentors regelrecht aufgesogen zu haben. Im Eiltempo befreite er sich während der letzten Saison von einem ersten Formtief. Die schwierige Zeit brachte "die Erfahrung, dass ich mich aus solchen Phasen herauskämpfen kann", sagt er heute.

Trainer Kamps hatte in seiner aktiven Zeit auch ein Angebot aus Spanien: Real Madrid wollte ihn abwerben. Er lehnte ab, weil er damals in Gladbach als erklärte Nummer eins im Tor galt und seinen Verein nicht enttäuschen wollte. "Demnächst", sagt Kamps, "werden die Berater wahrscheinlich bei der Geburt da stehen und sagen, der hier gefällt uns, den können wir nehmen" und gibt sich Mühe, dabei bloß amüsiert zu wirken.