Neulich war ich Zeuge, wie ein Ingenieur ins Büro seines Chefs stürmte. Voller Freude trug er eine Idee vor, mit der sich die Produktion beschleunigen ließe. Sein Vorgesetzter meinte: "Nicht schlecht, doch ich habe da noch eine bessere Idee ..." Dann redete der Chef zehn Minuten und meinte am Ende: "So wird ein Schuh draus." Der Ingenieur, der vorher vor Begeisterung gesprüht hatte, sah aus, als hätte ihn genau dieser Schuh getreten. Zumal seine Idee auch ohne diese Abwandlung funktioniert hätte.

Jeder Chef unterliegt der Versuchung, die Ideen seiner Mitarbeiter bloß deshalb abzulehnen, weil sie nicht von ihm sind (wie es der spanische Filmregisseur Luis Buñuel sagt) – und sie nach Lust und Laune umzuformen. Bei den Mitarbeitern bleibt nur hängen, dass ihre Idee unzulänglich war, wenn nicht gar: unerwünscht. Für die minimale Verbesserung einer Idee nehmen Chefs eine maximale Zerstörung von Motivation in Kauf.

Wenn jede Akte vom Vorgesetzten korrigiert, jede Idee überarbeitet, jeder Text umgeschrieben und jeder Arbeitsweg optimiert wird, wächst die Entfremdung zwischen dem Mitarbeiter und seinem Arbeitsergebnis. Mit jeder Duftmarke, die ein Chef auf diese Weise setzt, stinkt es den Mitarbeitern mehr.

Doch wird ein Vorgesetzter nicht dafür bezahlt, die Arbeiten seiner Mitarbeiter zu verbessern? Nein, seine wichtigste Aufgabe ist es, Mitarbeiter zu noch besseren Ergebnissen zu befähigen.

Ein kluger Vorgesetzter beachtet zweierlei: Erstens wird er niemals die Arbeit eines Untergebenen nur deshalb korrigieren, damit er sie korrigiert hat. Und zweitens wird er, wenn er noch Potenzial sieht, den Mitarbeiter nicht mit seinen Ideen erschlagen, sondern mit klugen Anmerkungen inspirieren: "Vorzügliche Idee! Wenn Sie jetzt noch einen Weg finden, wie wir den Zeitaufwand reduzieren, setzen wir das sofort um!" Eine solche Reaktion, sofern sie echt ist, erhöht nicht nur die Arbeitsfreude der Mitarbeiter – sie sorgt auch dafür, dass die Ideen praxisnäher verfeinert werden. Denn während die Vorgesetzten die Praxis oft falsch einschätzen, weil sie zu weit davon entfernt sind, kennen sich die Mitarbeiter mit dem aktuellen Tagesgeschäft aus. Ein solcher Führungsstil lässt Mitarbeiter wachsen. Und er sorgt dafür, dass ihre Ideen immer besser werden.