Ein globales Geschäft

Um 8.30 Uhr wird Brian W. an diesem Donnerstag vor Richter John McMahon am Superior Court of Justice in der Altstadt von Toronto erscheinen. Der Prozess gegen den 42-Jährigen hat noch nicht richtig begonnen, doch die Geschichte dahinter hat in Deutschland bereits einen Minister zu Fall gebracht.

Mehr als zweieinhalb Jahre ist es her, dass Brian W. festgenommen und seine Firma zerschlagen wurde. Azov Films war spezialisiert auf den Versand von Filmen nackter minderjähriger Jungen. Auf der Internetseite wurden sie als "nudistische Filme" über das Erwachsenwerden angepriesen, die "gegen keine Gesetze verstoßen". Doch die Ermittler kamen zu der Überzeugung, dass mindestens ein Viertel der angebotenen Videos kinderpornografisch sei. Darunter befinden sich Szenen, in denen sich nackte Jungen Essensreste in den Hintern einführen.

Von einem Lagerhaus im West End Torontos aus belieferte Azov Films die ganze Welt. Lehrer bestellten dort Bilder und Clips, Polizisten, Pastoren, Pfadfinder – und, wie man seit vergangener Woche weiß, auch ein Bundestagsabgeordneter aus dem niedersächsischen Rehburg-Loccum.

Die Bilder erreichten Sebastian Edathy meist per Post. Neun Mal soll er bei dem Internethandel Material bestellt haben, 31 Videos und Foto-Sets insgesamt. Darauf zu sehen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft keine sexuellen Handlungen mit Kindern, auch kein Sex zwischen Kindern, aber eben doch: nackte Kinder.

Das allein ist möglicherweise nicht strafbar. Doch egal, wie die Ermittlungen gegen Edathy ausgehen: Solche Bilder entstehen nicht ohne Täter. Und schon gar nicht ohne Opfer.

Ein Dorf im Nordwesten Rumäniens, in der Nähe der Kleinstadt Seini. Der Nebel hängt wie ein Schleier über den matschigen Straßen, verfallene einstöckige Häuser reihen sich an halb fertige Neubauten. Hier, am Rande Europas, drehte der Deutsche Markus R. genau solche Filme mit Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 16 Jahren. Hinter einem hohen Holzzaun mitten im Dorf filmte er nackte Kinder im Pool, nackte Kinder beim Ringen, nackte Kinder beim Bockspringen. Gut zwei Jahre lang ging das so, bis der Vater eines der Kinder misstrauisch wurde. Am Ende wurde Markus R. von einem rumänischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt. "In manchen Filmen imitierten die Minderjährigen sexuelle Handlungen, massierten einander und berührten ihre Geschlechtsteile", heißt es im Urteil vom Dezember 2010, das die ZEIT einsehen konnte.

Drei Jahre später sitzt auf einem zerschlissenen Sofa der Mann, der die Ermittlungen gegen Markus R. angestoßen hat – und damit eine Kettenreaktion auslöste, die am Ende die Regierung in Berlin in eine Krise stürzte. Im Wohnzimmer der Familie Ionescu* riecht es nach frittiertem Schweinefleisch, im Hof wiehert ein Pferd. Andrei* Ionescu serviert Palinka, einen regionalen Obstbrand. Wenn er von der Geschichte "dieses Deutschen" erzählt, kann er nicht sitzen bleiben. "Markus hat uns betrogen, er hat unser Vertrauen missbraucht", sagt Ionescu. Neben ihm steht sein Sohn Eugen*, eines der Opfer von Markus R., ein hoch aufgeschossener Junge mit großen Ohren. "Mein Sohn hat sich so verändert", sagt der Vater, "er ist mürrisch geworden, hat die Schule abgebrochen, will nur noch für sich sein."

Markus R. hat sich das Vertrauen Dutzender Familien in dem armen Landstrich erschlichen. In Turnhallen unterrichtete er Schüler in Karate, gab vor, den Jungen etwas Gutes tun zu wollen. Die Mutter eines Opfers sagt heute: "Er hat genau verstanden, was wir brauchten." Wie Robin Hood sei er aufgetreten, sagt eine andere.

Wie Robin Hood sei er aufgetreten

Bei einer Durchsuchung von R.s Wohnung fanden die rumänischen Ermittler zwei Stapel mit Broschüren einer angeblichen Hilfsorganisation, der Eecho Kinderhilfe Osteuropa in Wien. Darin heißt es, man wolle die Lebenssituation von Kindern verbessern, an Schulen organisiere man Präventionsprojekte zu Themen wie "Anti-Rauchen oder Aufklärung zum Schutze vor sexuellem Missbrauch". Als Vorstand ist ein Mann aufgeführt, der nach den Ermittlungen der Polizei die englischen Untertitel für die Filme erstellt hat. Täter, getarnt als Beschützer.

Außer den Flyern stellten die Polizisten zwei Computer mit fünf Festplatten voller Video- und Fotomaterial sicher, fast vier Terabyte. Dazu 325 Mini-DV-Kassetten und Kameras. Auf einem der Videos sind zwei Jungen zu sehen, die einander mit Öl übergießen und nackt Purzelbäume schlagen, sich abduschen und anfassen. Mit dem Verkauf von 50 solcher Filme verdiente Markus R. bis zu 150.000 US-Dollar.

Der Abnehmer seiner Ware saß mehr als 7.000 Kilometer entfernt in Toronto: der kanadische Videohandel Azov Films um Brian W., der im Anschluss an die rumänischen Ermittlungen ins Visier geriet. Bis Ende 2013 wurden in der internationalen Polizeioperation Spade (Spaten) weltweit mehr als 340 Personen festgenommen und fast 400 Kinder als Opfer identifiziert. Es war einer der größten Schläge gegen das Milieu. In Markus R. sahen die kanadischen Ermittler einen der wichtigsten Zulieferer. Insgesamt soll Azov Films mehr als vier Millionen kanadische Dollar eingenommen haben.

Die Bilder, die Sebastian Edathy orderte, sollen bei Weitem nicht die schlimmsten der dort angebotenen Aufnahmen gewesen sein; und doch war er Kunde auf einem Markt, auf dem auf Kosten von Kindern Geld verdient wird.

Ein Mann in Niedersachsen bestellte Filme und Bilder. Ein Mann in Kanada kassierte. Und ein Mann in Rumänien sorgte mit perfiden Tricks dafür, dass es immer neues Material gab. Der Fall Azov Films gibt eine Ahnung davon, wie das weltumspannende Geschäft mit Kinderpornos und Nacktaufnahmen von Minderjährigen abläuft. Und welche Dimensionen es hat.

Jede Sekunde, so die Schätzungen von FBI-Ermittlern, sind 750.000 Pädophile online. Rund 250.000 Männer, vermuten Sexualforscher, sind allein in Deutschland pädophil. Einer UN-Studie von 2009 zufolge werden mit Kinder- und Jugendpornos sowie nicht pornografischen Nacktaufnahmen jährlich bis zu 20 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Der Großteil des Handels erfolgt aber geldlos, über Tauschbörsen: Die Kinder sind Ware und Währung zugleich. Viele werden Opfer von Verwandten, Freunden der Familie – oder Sporttrainern wie Markus R.

Dessen Geschichte beginnt als junger Karatelehrer in Niederbayern. Ende der neunziger Jahre vergeht er sich an sieben Kindern, keines älter als zehn. Im Sommer 2000 wird er wegen sexuellen Missbrauchs zu zwei Jahren Jugendhaft verurteilt. Nach seiner Entlassung stellen ihn die Richter unter Führungsaufsicht, wegen Rückfallgefahr.

Markus R. zieht nach Rumänien, wo niemand seine Vergangenheit kennt. Er lässt sich in Satu Mare im Nordwesten nieder, nahe der Grenze zu Ungarn und der Ukraine. Die Region gehört zu den ärmsten Europas.

R. arbeitet zunächst für eine Firma, die Bierzeltbänke herstellt. Ab 2004 bietet er wieder Karatekurse an, vor allem an Schulen. Kostenlos. Nach dem Training lädt er die Jungen ein, mal spendiert er Pizza, mal kauft er Eis. Immer wieder nimmt er sie mit in seine Wohnung, wo sie Playstation spielen dürfen. Und irgendwann, so erzählte es eines seiner Opfer später den Ermittlern, habe er die Jungen dann überredet, sich auszuziehen und nackt filmen zu lassen. Als Belohnung gab es ein paar Euro.

Häufig filmte Markus R. die Jungen beim Kämpfen, nackt oder halb nackt. Als Requisiten lagen Spielzeugpistolen, Rüstungen und Schwerter bereit. Seine Boyfights gehörten zu den Bestsellern bei Azov Films.

Den Jungen schärfte R. ein, ihren Eltern nichts zu erzählen. Meist war er nett, aber er konnte auch anders. "Ich habe mich geweigert, da fing er an, mich anzuschreien", sagte eines seiner Opfer gegen ihn aus. "Da bekam ich Angst und zog mich ganz aus."

Markus R. bedauerte vor Gericht, was er getan hat, sah seine Filme aber nicht als Kinderpornografie an. Einem seiner Opfer schrieb er aus der Haft einen Brief, den die ZEIT einsehen konnte: "Ich habe gelogen, manipuliert und Vertrauen missbraucht. Aber als ich sagte, dass du ein Kind mit goldenem Herzen bist (...), da war das keine Lüge." Das war im August 2010, kurz nachdem R. von der Polizei in seinem BMW gestellt worden war – auf der Reise nach Deutschland. Als Passagiere mit dabei: vier rumänische Jungen, angeblich auf dem Weg zu einem Karateturnier.

Azov Films, die Firma von Brian W., für die Markus R. zulieferte, agierte erstaunlich offen. Weit konspirativer nahm sich das Missbrauchs-Netzwerk "Dreamboard" aus, das US-Fahnder 2011, also etwa zur selben Zeit, aufdeckten. Die 600 Mitglieder griffen über einen anonymen Proxyserver zu. Wer dabeibleiben wollte, musste alle 50 Tage "frische Ware" hochladen. Und wer besonders brutales Material einstellte, wurde von den Betreibern belohnt – mit erweitertem Zugang zum Archiv. Mehr als 120 Terabyte an Hardcore-Material, darunter Filme von sexuellem Missbrauch an Säuglingen, stellten die Ermittler sicher. In 14 Ländern, auch in Deutschland, wurden 52 Personen festgenommen. Die Operation Delego dauert bis heute an, noch sind nicht alle Hintermänner gefunden. Die Spuren führen auch hier nach Kanada.

Dort nimmt die Polizei am 1. Mai 2011 schließlich auch Brian W. fest, den Kopf von Azov Films. In Gerichtsakten wird ihm die Verbreitung von Kinderpornografie vorgeworfen, sein Filmvertrieb als kriminelle Vereinigung eingestuft. Als es den Kriminalisten gelingt, die Kundendatei zu rekonstruieren, folgen Ermittlungen gegen mutmaßliche Käufer in den USA, Spanien, Australien und vielen weiteren Ländern. Allein das Bundeskriminalamt bekommt Hinweise auf 800 Abnehmer in Deutschland.

Kunden gibt es in allen sozialen Schichten

"Die Operation Spade ist ein riesiger Erfolg", sagt Julia von Weiler, Geschäftsführerin von Innocence in Danger, einer Organisation, die sich gegen Kinderpornografie engagiert. "Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass diesem kleinen Hellfeld ein gigantisch großes Dunkelfeld gegenübersteht." Immerhin hätten die Ermittlungen bestätigt, dass es Kunden in allen sozialen Schichten gebe: "Die Täter sind mitten unter uns." Einer australischen Studie zufolge ist es gar so, dass die Konsumenten in aller Regel in Beziehungen leben, Arbeit haben und über einen akademischen Grad verfügen.

In diesen Tagen kämpft Sebastian Edathy um seinen Ruf. Brian W., der Exchef von Azov Films, wartet auf seinen Prozess. Und der Filmemacher Markus R. ist nach Verbüßung seiner Strafe wieder auf freiem Fuß. Er lebt in einem Mehrfamilienhaus in München. Neben die Klingel hat er einen Zettel geklebt: "Für weitere Infos", steht da, "besuchen Sie bitte www.schon-mal-was-von-resozialisierung-gehört.de". Auf Anfragen der ZEIT reagierte er nicht.

Resozialisierung ist das Recht eines jeden Täters, der seine Strafe abgesessen hat. Doch R.s Opfer bleiben Opfer: Ihre Bilder stehen noch immer im Internet, sie sind nicht einzufangen.

* Namen geändert