Es ist das erste japanische Frühstück – ein deftiges Vergnügen, aber auch eine knifflige Aufgabe. Wir mühen uns mit den Stäbchen an köstlichem rohem Fisch, Gemüseauflauf und Fleischspießen ab, während sich draußen der graue Wolkenvorhang mehr und mehr öffnet. Und als vor dem Panoramafenster des Niseko-Weiss-Hotels die imposanten Schneeberge immer schärfere Schattenlinien auf den akkurat geräumten Parkplatz zeichnen, ist in den Gesichtern der europäischen Gäste doch eine Spur Enttäuschung zu erkennen.

Sonne! Sind wir nicht gerade wegen der Schlechtwettergarantie mit unseren breiten Tiefschneebrettern auf die Insel Hokkaido in Japans Norden gereist? Knapp 10.000 Kilometer weit, nur mit einer kleinen Tube Sonnencreme für den Notfall im Gepäck. Hat es nicht geheißen, dass im Skigebiet um den Ort Niseko blauer Himmel während der Saison so gut wie nie zu sehen sei, weil den Winter über unglaubliche 18 Meter Schnee auf die Erde niedergingen?

Doch schon bei der Autofahrt zum Lift wird klar: Die Geschichten, die sich um diesen sagenhaften Powder-Hotspot ranken, scheinen nicht aus der Luft gegriffen. Die Schneewände links und rechts der Fahrbahn sind zwei, drei Meter hoch. Von den wenigen Häusern, die sich hinter der penibel frei gefrästen Straßenschlucht verstecken, spitzeln nur noch weiße Dächer hervor. "Niseko ist was für echte Schneemenschen", sagt Flo Hellberg, unser japanerfahrener Guide aus dem Allgäu, während er den Allradwagen über die weiße Unterlage lenkt. Schneemenschen, das sind wir alle – die drei Ärzte, der Banker, der Pilot, der Snowboardlehrer, der Journalist: allesamt begeisterte Tiefschneefahrer. Und deshalb hadern wir ein bisschen mit den bescheidenen 15 Zentimeter Neuschnee, die über Nacht gefallen waren, auch wenn sie uns daheim schon glücklich gemacht hätten. Für Niseko-Verhältnisse, das muss Flo zugeben, sind 15 Zentimeter kaum der Rede wert.

Also Skifahren unter blauem Himmel. Immerhin mit Liftboys, die sich vor jedem Gast verbeugen und ihm bei zehn Grad minus ein warmes Lächeln schenken – eine Herzlichkeit, die auf Skifahrer aus den Alpen beinahe befremdlich wirkt. Zu Hause in Europa sind dafür die Sessellifte bequemer. Welche Entlastung Fußstützen bedeuten, merkt man erst, wenn sie fehlen. Das klobige Equipment zieht die Beine unbarmherzig nach unten. Und hätten nicht Pistenwalzen die gewaltigen Schneemassen aus der Lifttrasse geschoben, würden die Ski wohl an vielen Stellen aufsetzen. Schnell wird klar: Angst vor Kratzern im Belag braucht man hier nicht zu haben. Am Ausstieg wieder der Knicks eines Liftangestellten und der Dank fürs Mitfahren. Lukas, der Pilot, findet, die Höflichkeitsfloskel klinge wie ein in die Länge gezogenes bayerisches "Sammas?". Und je öfter wir die Formel in den nächsten Tagen zu hören bekommen, desto mehr müssen wir ihm recht geben.

Sushi-Powder wird der Hokkaido-Schnee in europäischen Freeride-Fachkreisen liebevoll genannt. Er soll zum Besten zählen, was in kristalliner Form vom Himmel fällt. Flo Hellberg hatte uns am Tag der Ankunft in einem winzigen Lokal mit schmalen Hockern und einem groben Holztisch, an dem wir mit Stäbchen Gemüse und Fleisch aus einem großen Topf fischten, dessen Rezeptur verraten. "Aus dem Meer steigt ständig Feuchtigkeit auf und mischt sich unter die extrem kalte Festlandsluft, die aus Sibirien kommt. Deshalb schneit es hier auch bei zehn Grad minus noch richtig heftig. Und die Temperatur sorgt dafür, dass der Schnee extrem trocken und leicht ist." Weil Niseko nur 35 Kilometer vom Meer entfernt liege, wiederhole sich das Spiel wieder und wieder – worauf wir mit einem Sapporo-Bier anstießen.

Schon vom Sessellift aus haben wir am nächsten Morgen einladende Lichtungen in den Birkenwäldern gesehen – ideales Freeride-Terrain. Doch obwohl die Lifte bereits seit einer halben Stunde offen sind, ist das Gelände noch völlig unverspurt. "Die Niseko-Rules", erklärt Flo. Die örtliche Lawinenkommission hat die Hänge gesperrt. "Manchmal sind die Sperrungen schwer nachvollziehbar – so wie heute", sagt Flo, der als staatlich geprüfter Bergführer selbst Lawinenkurse gibt und auch als Sicherheitsexperte für den deutschen Alpenverein arbeitet. "Aber es hilft nichts, du musst die Niseko-Rules befolgen." Wie so vieles ist auch Tiefschneefahren in Japan streng reglementiert. Überall entlang der Pisten sind Seile gespannt. Wer darunter durchschlüpft, um sich im freien Gelände zu vergnügen, riskiert Ärger mit der Schneewacht und den Verlust des Liftpasses. Die Männer in Rot achten mit ihren Trillerpfeifen penibel darauf, dass die Variantenfahrer, von denen es in Niseko reichlich gibt, nur an den offiziell geöffneten Gates in die Tiefschneehänge fahren.

Zum Glück finden wir am Rande der Piste bald ein geöffnetes Tor. Unter uns erstreckt sich ein Birkenwald, dessen Stämme weit genug auseinanderstehen, um sie in weiten, schnellen Schwüngen umkurven zu können. Und tatsächlich: Der Schnee fühlt sich grandios an, bietet kaum Widerstand, ist federleicht und verzeiht höflich kleine Fahrfehler. Wir jagen über die "Strawberry Fields" und können uns gar nicht sattsehen an diesen Bäumen. Wie von Bühnenbildnerhand sind sie mit Schneehäubchen derart stimmungsvoll in Szene gesetzt, dass uns Wintermenschen das Herz übergeht. Und mittendrin sprießt auch noch grünes Bambusgras aus dem Weiß des japanischen Winterziergartens.

Unter lautem Gebimmel der Glocken wünschen wir uns Schneewolken

Als Flo beim Small Talk mit einem Schneewachmann erfährt, dass in Kürze auch das Gipfel-Gate geöffnet wird, lassen wir uns in einem uralten Einer-Sessellift zum höchsten Punkt des Skigebiets schaukeln, auf einer dünnen, brotzeitbrettgroßen Pressspanplatte als Sitzgelegenheit. Sicherheitsbügel gibt es keine – das Bild von Japan als Hightech-Land nimmt schweren Schaden. "Nach den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo wurden auf Hokkaido viele Lifte gebaut", hatte uns Flo erklärt, als er am Einstieg in verdutzte Gesichter blickte. "Für eine Weile war Skifahren in Japan ein Sport für das Volk. Aber in den neunziger Jahren ist der Skiboom dann zusammengebrochen." Seitdem werde kaum noch in neue Anlagen investiert. Als weithin bekanntes Freeride-Gebiet ließ Niseko jüngst immerhin einen neuen Sessellift und eine moderne Umlaufbahn errichten. Aber von diesen Neuerungen abgesehen, findet man auch hier noch viele Relikte aus der nach-olympischen Zeit der siebziger Jahre.