Das Schicksal zweier Mädchen liegt in den zittrigen Händen einer Alkoholikerin. Es ist ein schwülheißer Montag im Juli 1994, als die Kinderkrankenschwester Nicole K. die Neugeborenenstation ihrer Klinik im südfranzösischen Cannes betritt. Sie ist an diesem Morgen froh, sich auf den Beinen halten zu können. Das Wochenende liegt hinter ihr, wie immer hat sie zu viel getrunken, aber jetzt muss sie mit der Arbeit beginnen. Sie holt zwei Babys aus den Zimmern ihrer Mütter: Manon und Mathilde, vier und fünf Tage alt, zwei Säuglinge unter vielen anderen auf der Station. Manon und Mathilde leiden unter Gelbsucht, ihr Augenweiß und ihre Haut sind verfärbt. Jetzt sollen sie zur Lichttherapie. Eigentlich Routine, knapp zehn Prozent der Neugeborenen werden in Brutkästen mit blauem Licht bestrahlt.

Doch an diesem Tag sind nicht ausreichend Plätze für alle Säuglinge vorhanden. Nicole K., die verkaterte Pflegerin, entkleidet Manon und Mathilde und legt die Babys, nichts als Windeln und schützende Augenklappen am Körper, Kopf an Fuß in einen einzigen Brutkasten, unter eine Lichtröhre.

Vielleicht haben sich im Moment des Entkleidens die Namensbänder gelöst, die seit der Geburt an den Handgelenken der beiden Säuglinge befestigt waren; vielleicht ist es auch schon in der Nacht davor geschehen. Mehr als acht Stunden lang liegen Manon und Mathilde nebeneinander. So nah werden die beiden sich in ihrem Leben noch einmal kommen, aber erst sehr viel später.

Die Nachmittagssonne steht schon über dem Krankenhaus, als Nicole K. die beiden Babys aus dem Brutkasten herausnimmt. Sie bringt Manon zu Mathildes Mutter und Mathilde zu Manons Mutter. Die Würfel fallen in diesem Augenblick. Manon und Mathilde werden über Jahre unbemerkt in der falschen Familie aufwachsen.

"Warum habe ich es nicht gemerkt?", fragt sich Sophie Serrano noch heute. Sie ist eine schmale Frau von nur 43 Kilo bei 1,68 Meter Größe. Mehr als 40 Fortuna-Zigaretten raucht sie am Tag. Die Frage spukt in ihrem Kopf herum wie ein Fluch, jeden Tag grübelt Serrano darüber nach. Wieso kam ihr nicht in den Sinn, dass der Säugling, den die Schwester an ihr Wochenbett brachte, gar nicht Manon war, sondern das Kind einer Fremden? Und dass ihre Manon, das Baby, das sie zur Welt gebracht hatte, nun in den Armen einer anderen lag?

Serrano wohnt in einer Sozialsiedlung oberhalb der paar Häuser, die das Bergdorf Thorenc ausmachen, anderthalb Stunden Autofahrt nördlich von Cannes. Hier, 1300 Meter über dem Meer, sind die drei Kurhotels im Winter nur am Wochenende geöffnet, und oft findet sich niemand, der die Straßen vom Schnee befreit. In dieser Abgeschiedenheit, die sie selbst gesucht hat, wartet Serrano darauf, dass ihr endlich Gerechtigkeit widerfährt, fast zwei Jahrzehnte nachdem Nicole K. ihr ein Kind genommen und ein anderes gegeben hat.

Sophie Serrano ist damals gerade mal 18 Jahre alt, eine Teenagermutter. Sie hat sich auf das Kind gefreut, aber jetzt ist sie von der Geburt erschöpft und fühlt sich überfordert von dem Neuen, das auf sie einstürzt. Da kommt es ihr recht, ein wenig Verantwortung abzugeben an den Klinikbetrieb mit all seinen Fachleuten. In den ersten Tagen nach der Geburt sieht Sophie Serrano ihr Baby nur selten. Die Ärzte raten zur Flaschenmilch, und so kann die junge Mutter die Nächte durchschlafen. Tagsüber füttert sie oder die Großmutter das Kind, wenn es nicht gerade unter die Lichtröhre gelegt werden muss.

Am vierten Tag, als Nicole K. mit der vermeintlichen Manon von der Lichttherapie zurückkehrt, wundert sich Sophie Serrano. Sind da nicht plötzlich sehr viele Haare auf dem Kopf ihrer Manon? "Das Licht lässt die Haare wachsen", antwortet die Schwester, und Sophie Serrano nimmt die Erklärung hin. Am nächsten Morgen verlässt sie mit der Tochter einer anderen das Krankenhaus in Cannes, ahnungslos und gespannt auf die Zukunft.