Was die Wände sagen

Der eigene Tod soll bekannt werden. Das scheint die letzte Sorge zu sein. "Wir haben schon 43 Tage gesessen, das Verhör geht zu Ende, jetzt sind wir mit dem Galgen an der Reihe. Ich bitte diejenigen, die uns kennen, unseren Kameraden auszurichten, dass auch wir in diesen Folterkammern umgekommen sind." So hat es ein junger Mann auf Russisch an die Wand der Zelle 1 geschrieben – vielleicht auch, weil die Aussicht, der eigene Tod werde der Welt mitgeteilt, ihn etwas erträglicher, etwas weniger einsam erscheinen lässt. Ein anderer schrieb an die Wand derselben Zelle: "Wenn keiner / an dich denkt / deine Mutter / denkt an dich".

Diese und 1.800 weitere Wandinschriften machen die zehn Kellerzellen der früheren Kölner Gestapo-Zentrale zu einem einzigartigen Erinnerungsort. Nirgendwo sonst als hier, mitten in der Innenstadt und nur ein paar Hundert Meter vom Dom entfernt, gibt es eine vergleichbare Fülle an Wandinschriften aus der NS-Zeit. Geschrieben wurden sie mit allem, was zur Hand war, mit Kohlestückchen, Kreide, Bleistiften, einmal auch mit Lippenstift, eingeritzt mit Eisennägeln, Schrauben, notfalls mit den Fingernägeln. Und wie durch ein kleines Wunder sind diese teils flüchtig gekritzelten Wörter und Sätze, manchmal auch Zeichnungen, erhalten geblieben. Erst entging das Gestapo-Haus den Luftangriffen, die nahezu alle Gebäude ringsum in Schutt und Asche legten. Dann ersparte sich die nach dem Krieg einziehende städtische Verwaltung die Mühe, den Keller mit den Zellen zu renovieren, und rümpelte sie stattdessen mit Aktenordnern zu.

Und noch ein kleines Wunder ist zu vermelden. Denn die gesamten Wandinschriften sind nun in einem eindrucksvollen, unendlich aufwendig und liebevoll gestalteten Band in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht worden: Wände, die sprechen– Walls that talk (Emons Verlag, Köln; 420 S., 68,– €). Großformatige, wie Altartafeln aufklappbare Bilder der Zellen, Detailaufnahmen von einzelnen Inschriften und Zeichnungen, oft in Originalgröße, sensible Begleittexte und eine Gesamtdokumentation im Anhang: Der Emons Verlag und Herausgeber Werner Jung, Direktor des Kölner NS-Dokumentationszentrums, haben keine Mühe, keine Kosten gescheut, um aus dem Buch eine Ehrung all jener zu machen, die in dem Kerker gelitten haben. " Pourquoi suffrir?", warum leiden, heißt es an einer Wand. Einfacher zu beantworten ist die Frage: Warum das Buch? Damit wir uns erinnern. Verbunden mit der Hoffnung, dass nicht noch einmal so gelitten werde.

Beklemmung der Nazi-Zeit lebt weiter

Wer die Inschriften auch im Original studieren möchte, kann das jederzeit tun; das Kölner Dokumentationszentrum im Gestapo-Haus am Appellhofplatz ist täglich außer montags geöffnet. Schon seine Geschichte ist aufschlussreich. Nach den Jahren des Vergessens und Verdrängens erinnerte seit Mitte der sechziger Jahre zunächst ein Einzelkämpfer mit Aktionen an die Vergangenheit des sogenannten EL-DE-Hauses (benannt nach den Initialen seines Erbauers, des Goldwaren- und Uhrengroßhändlers Leopold Dahmen, der das Gebäude als Wohn- und Geschäftssitz 1935 errichten ließ). Eine größere Öffentlichkeit begann sich Ende der siebziger Jahre für den Ort zu interessieren. Neben der amerikanischen Serie Holocaust, die damals das Fernsehpublikum republikweit aufwühlte, spielte für Köln der Prozess gegen Kurt Lischka eine entscheidende Rolle. Lischka wirkte als Gestapo-Chef im EL-DE-Haus, bevor er in Frankreich in führender Position die Deportation der Juden mitorganisierte. Von Beate Klarsfeld 1971 in Köln aufgespürt, wurde er 1979 zu zehn Jahren Haft verurteilt – im Landgericht Köln, das genau gegenüber dem EL-DE-Haus liegt, Lischkas altem Arbeitsplatz.

Als sich dann noch ein Lehrer und ein Fotograf über Nacht im Haus einsperren ließen und anschließend Fotos der erhaltenen Zellen-Inschriften in einer Kölner Lokalzeitung veröffentlichten, hatte der Rat der Stadt ein Einsehen und beschloss die Einrichtung der Gedenkstätte, die, 1981 eröffnet, inzwischen zu einem umfassenden Dokumentationszentrum ausgebaut wurde.

Der Abstieg in den Keller löst Beklemmung aus. Die steile Treppe, welche die Häftlinge, als Auftakt der Erniedrigung, meist schon mit Fußtritten hinunterbefördert wurden, die Enge der Zellen, keine drei Schritte lang und gerade so breit, dass man beide Arme ausstrecken kann: Mancher wird vielleicht doch die Distanz bevorzugen, die das Buch jetzt ermöglicht.

Zehnfache Überbelegung der Zellen

"Die deutschen Sitten enthüllen sich besonders in Zelle 6, wo die es fertigbringen, bis zu dreiunddreißig Menschen auf einmal hineinzupferchen!", heißt es an einer Wand auf Französisch. Die Gestapo vermerkte in ihren Akten, dass die Zellen acht- bis zehnfach überbelegt waren. Katastrophale Bedingungen auch sonst: ein Bottich für die Notdurft, eine Pritsche, manchmal ein Stuhl, oben in der Wand ein kleines Milchglasfenster, durch das von der Straße her fahles Licht in den Keller fiel. Eine junge Französin schildert das Zellenleben an der Wand so: "Morgens um 7.15 Uhr stehen wir auf, um 8.00 Uhr bekommen wir ein Stück Brot und um 4.00 [16.00] Uhr Suppe, und das ist alles bis zum nächsten Morgen. Deshalb braucht man uns nicht zu fragen, ob wir die Figur halten!" Bewundernswert, sich hier noch eine Portion schwarzen Humors bewahren zu können.

Unklar blieb für viele Häftlinge, weshalb sie überhaupt eingesperrt waren. "Ich sitze hier und weiß nicht." Oder: "Ich habe nichts getan und ich weiß auch nicht, warum ich hier bin." Eine Inschrift zieht die Verzweiflung ins Lakonisch-Absurde, in Worte, die klingen, als hätte Kafka ein Haiku gedichtet: "Still auf einer / Britsch sitzen / 2 Mädels."

"Die Gestapo besteht aus lauter Sadisten"

Zeilen des 15-jährigen Hans Weinsheimer, der zu einem Widerstandskreis gehörte. Er überlebte den Gestapo-Keller und starb 1990 in Köln.

Auffallend ist, wie jung die Frauen und Männer in den Zellen gewesen sind, oft Zwangsarbeiter, die als Jugendliche aus den besetzten Gebieten verschleppt worden waren, manchmal auch Oppositionelle aus Köln und Umgebung, wie die vom NS-Regime verfolgten Edelweißpiraten. Das spiegelt die Situation der letzten beiden Kriegsjahre. Weil die Wände vermutlich Ende 1943 neu gestrichen wurden, sind ältere Inschriften nicht erhalten.

Ursprünglich waren die Zellen dafür konzipiert, Häftlinge, die man oben im Gebäude vernahm, vorübergehend unterzubringen. Dass daraus oft Wochen, manchmal Monate wurden, bezeugen die an die Wand notierten Daten. Wie sich diese Zeit des Wartens, des Hungerns, der Vernehmungen und der Quälerei dehnen konnte, auch davon zeugt eine Inschrift: "Alles ist vergänglich / Auch Lebenslänglich."

Ein Ende, irgendein Ende, scheint dann besser als keins. "Die Gestapo besteht aus lauter Sadisten", heißt es, in Kurzschrift verfasst, an der Wand von Zelle 4. Ehemalige Häftlinge berichteten, wie Mitgefangene blutüberströmt aus den Verhören zurückkehrten. Es gab eine Dunkelkammer, mit einem vorgelagerten Raum für "verschärfte Verhöre", und im Tiefkeller einen Raum, aus dem die Schreie der Gemarterten drangen ("Weh Weh ... Folterkammer", Zelle 6). Bei Bombenalarm flüchteten sich die Gestapo-Männer in einen nahe gelegenen Bunker, die Gefangenen blieben in den Zellen und bangten um ihr Leben. Von Oktober 1944 an gab es im Hof des EL-DE-Hauses Massenhinrichtungen, die Menschen wurden erhängt oder erschossen.

Was aus den Häftlingen wurde, ist meist unklar

Man weiß in den meisten Fällen nicht, was aus den Häftlingen geworden ist. Einige hat man in den achtziger und neunziger Jahren noch ausfindig machen können. Der junge Russe Askold Kurow, der in der eingangs zitierten Inschrift darum bat, man möge die Kameraden von seinem Tod in Kenntnis setzen, gehörte dazu. Ihm gelang, wohl als Einzigem, durch die Verkettung vieler glücklicher Umstände die Flucht.

Berührend ist auch die Geschichte der jungen Französin Marinette, die ihrem Freund nach Deutschland gefolgt war. Als Haushaltshilfe arbeitete sie bei einer regimekritisch eingestellten Familie. Bei deren Verhaftung steckte man Marinette gleich mit ins Gefängnis – obwohl sie im achten Monat schwanger war. Zur Entbindung wurde sie für ein paar Tage in ein Kloster verlegt, kam aber danach gleich zurück ins EL-DE-Haus, ohne ihr Kind. In zahlreichen Inschriften klagt die Mutter ihren Schmerz und macht sich Mut: "Wenn es nur um mich ginge, würde ich gern vor Hunger sterben, aber ich habe meinen kleinen Schatz Christiane, für sie muss ich am Leben bleiben."

Marinette kam frei, fand ihre Tochter wieder und überlebte den Krieg. Sprechen aber wollte sie später über ihre schrecklichen Erlebnisse im Gestapo-Kerker nicht.

Wer hier nicht war, der kommt noch, und wer hier war, der wird es nicht vergessen.
Inschrift auf einer der Wände im EL-DE-Haus

Dem, was die Wände sagen, lässt sich wohl auch gar nichts hinzufügen. Es steht alles da, was wir wissen müssen: "Stadt Rostow! Rostow am Don! / Der blaue Sternenhorizont, die Gartenstraße, / die kleine Ahornbank. / Ach! Du Stadt Rostow, Rostow am Don!" So klingt im Kerker vergangenes Glück.

"Oft höre ich nachts den Schritten der Bewacher zu / verfluche mein hartes Bett. / Oft erinnere ich mich [und überlege] spätabends, / wie ich dich, Mischa, küssen könnte." So klingt im Kerker die Hoffnung auf künftiges Glück.

Und so klingt im Kerker die Warnung, dass jedes künftige Glück fragil bleibt, ja dass vielleicht der Schrecken nie aufhören wird, dass die Vergangenheit nicht vergeht: "Wer hier nicht war, der kommt noch, und wer hier war, der wird es nicht vergessen."