Was wurde in den vergangenen Tagen nicht alles geschrieben, um die – trotz allem – überraschende Annahme der SVP-Initiative gegen die sogenannte Masseneinwanderung zu erklären. Die Verlierer zürnten den Landbewohnern und den Agglomerationen, die Befürworter schimpften jeden, der ein Nein in die Urne gelegt hatte, einen schlechten Schweizer. Was die beiden Lager verbindet: Sie verursachten ein riesiges Begriffschaos. Zeit für vier Klärungsversuche.

Dichtestress

60 Zentimeter. So viel Distanz braucht der Mensch, um sich von seinem Gegenüber nicht bedrängt zu fühlen – das sagt die Wissenschaft. Und die gilt auch für Schweizer. Kommt die fremde Nasenspitze näher, dann entsteht Stress. Oder um es mit einem politischen Kampfbegriff zu sagen: Dichtestress.

Während des Abstimmungskampfes verging keine Debatte, ohne dass dieses Schlagwort fiel. Ob Gegner oder Befürworter des Volksbegehrens, der Befund war immer derselbe: In den S-Bahnen herrscht Dichtestress. Auf den Autobahnen herrscht Dichtestress. In den Wohnüberbauungen herrscht Dichtestress.

Diese kollektive Stressdiagnose wurde mit Zahlen unterfüttert. Zum Beispiel mit diesen: Ein Quadratmeter Land wird in der Schweiz pro Sekunde überbaut. Seit 2007 wächst die Schweiz jährlich um 80.000 Einwohner, das ist ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Mittelland, wo die meisten Schweizer leben, drängen sich 426 Menschen auf einen Quadratkilometer. In Europa leben nur die Niederländer noch näher aufeinander.

Und als im Sommer 2012 die Schweizer Statistiker den achtmillionsten Einwohner zählten, so viele Menschen lebten noch nie hier, schüttete die ganze Nation ihre Dichtestresshormone aus. Sie zitterte vor der Dystopie eines zubetonierten Stadtstaats.

Nun ist Dichtestress tatsächlich ungesund – das wissen vorab die Biologen. In ihren Lehrbüchern wird gerne vom Schicksal der Sika-Hirsche auf der amerikanischen James-Insel berichtet. Dort wurden anfangs des 20. Jahrhunderts vier Exemplare dieser asiatischen Rotwildart ausgesetzt. Sie vermehrten sich prächtig, sodass 1955 bereits 300 Tiere auf der Insel lebten. Drei Jahre später aber war die Hälfte tot: Nierenversagen durch Dichtestress.

Wohin es aber führt, wenn man mit Biologie Politik macht, hat uns die Geschichte gelehrt.

Unbehagen

Der große Intellektuelle Karl Schmid spürte es als Erster – und schrieb darüber sein bekanntestes Buch. Heute spüren es sowohl SVP-Präsident Toni Brunner als auch SP-Bundes‑rätin Simonetta Sommaruga: "Die Bevölkerung in unserem Land ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Das erzeugt Unbehagen."

Es ist ein Wort wie geschaffen, um ein dumpfes, manchmal xenophobes Bauchgefühl in einen politisch korrekten Mantel zu kleiden. Es ist ein Kampfbegriff der Wohlanständigen.

Wer sich darüber ärgert, dass nicht nur er eine Neubauwohnung mit Alpenblick besitzt, sondern bald auch zehn andere, deretwegen seine Aussicht verbaut wird, der schimpft nicht gegen seine neuen Nachbarn. Nein, er spürt ein Unbehagen.

Wer sich fragt, wer wohl diese unbekannten Zuzüger im neugebauten Wohnquartier ennet der Straße sind, der flucht nicht über das fremde Gesindel. Nein, er spürt ein Unbehagen.

Das Unbehagen kaschiert die Furcht vor der Zukunft, die eigene Orientierungslosigkeit, die man nicht loswird – und die man gerne den Fremden in die Schuhe schieben würde.

Was aber wünschen sich die Unbehagten?

Behaglichkeit ist die nächstliegende Antwort – aber ist sie erstrebenswert? Oder nicht doch eher langweiliger Stillstand? Also das perfekte thermodynamische Gleichgewicht, die maximale Entropie: Nichts fließt, nichts strebt, nichts bewegt sich. Kann das wirklich unser Ziel sein?