Erfahrung kann man messen. Es fällt aber schwer, sie in einer konkreten Situation zu erklären. Sie ist einfach da und liefert Antwort auf eine komplexe Frage mitunter im Bruchteil einer Sekunde. Das nennt man Bauchgefühl. Mit Gefühlen hat das aber wenig zu tun. Intuition ist nichts anderes als Erfahrungswissen, welches das Gehirn in unzähligen ähnlichen Situationen erworben und als Musterlösungen gespeichert hat. Deshalb stellen ältere Ärzte mitunter schon nach kurzer Untersuchung die Diagnose. Erfahrene Personalchefs spüren bereits in den ersten Minuten eines Vorstellungsgesprächs, ob der richtige Kandidat vor ihnen steht. Und der alte Hase im Journalismus "wittert" eine Geschichte, wo der Neuling nur einen Haufen Fakten sieht.

Erfahrung – Intelligenzforscher sprechen von kristalliner Intelligenz – könnte der Grund sein, warum es das mittlere Alter überhaupt gibt. Evolutionsbiologisch gesehen, wirken die vielen Jahre, die dem Menschen zwischen dem Ende der Zeugungsphase und dem Tod bleiben, erst einmal überflüssig. Eine Erklärung könnte sein, dass Frauen wie Männer das Überleben der Gengemeinschaft nicht nur durch Fortpflanzung, sondern auch durch ihre Erfahrung zu sichern hatten. Sei es, dass sie die Jüngeren bei der Aufzucht der Brut unterstützten, sei es, dass sie beim Aufspüren oder Erlegen von Essbarem halfen.

"Die erfahrenen Männer und Frauen nahmen im komplexen System der Nahrungsbeschaffung wahrscheinlich eine Schlüsselrolle ein", schreibt der Biologe David Bainbridge in seiner Naturgeschichte des mittleren Alters. Tiere, die ähnlich alt werden wie der Mensch, zeigen ähnliche Muster. Bei den Elefanten sind es die erfahrenen Tiere, welche die Herde in Zeiten der Trockenheit zu den wenig bekannten Wasserstellen führen.

Lesen und Lernen als Alzheimer-Prävention

Dabei sind die gelebten Jahre allein nicht von Vorteil. Die individuellen Unterschiede bei der geistigen Leistungsfähigkeit im mittleren Alter sind riesig. Nur wer Erfahrungen macht, kann einmal ein erfahrener Alter sein. So überrascht es nicht, dass sich Bildung als der beste Indikator für mentale Fitness im mittleren Alter erweist. Das zeigt das Midus-Projekt (Midlife in the United States), die größte Studie über diese Lebensphase weltweit. Im Durchschnitt seien Menschen mit einem Collegabschluss nicht nur körperlich, sondern auch geistig so gesund wie zehn Jahre Jüngere ohne Hochschulabschluss, schreibt Midus-Forscherin Margie E. Lachman.

Die Midus-Studie förderte eine weitere Erkenntnis zutage: Auch jenseits der fünfzig zahlt es sich aus, das Denken zu trainieren, und zwar gerade bei Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss. Wenn sie ihr Gehirn regelmäßig beschäftigen – durch Lesen, Schreiben oder gezieltes Lernen –, machen sie die größten Sprünge. Gleichzeitig schützen sie sich vor Krankheiten wie Alzheimer. Noch weiß man wenig darüber, wann die Krankheit beginnt. Fest steht jedoch: Wer im mittleren Alter geistig mobil ist, fällt seltener der Demenzerkrankung anheim.

Tatsächlich scheint um das fünfzigste Lebensjahr herum ein Umschlagpunkt zu liegen. Wer mit fünfzig beginnt, regelmäßig Sport zu treiben, ist, statistisch gesehen, für die Gebrechen des Alters ebenso gut gerüstet wie jemand, der schon immer durchs Leben joggte. Wer dagegen erst mit sechzig die Bewegung entdeckt, kann die Folgen der immobilen Jahre nicht mehr ausgleichen. "Unser Leben im Alter wird in den mittleren Jahren entschieden", sagt der Biologe Martin Korte. Die Ratschläge, die er in seinem Buch Jung im Kopf formuliert, sind simpel: Ernährt euch gesund, bewegt euch regelmäßig, und geht unter Menschen. Letzteres vor allem: Kaum eine andere Aktivität fordert – durch Reden und Zuhören sowie das permanente Beobachten von sich selbst und anderen – so viele Hirnregionen gleichzeitig wie ein normales Gespräch. Freundschaften sind das beste Hirnjogging.

Das Kurzzeitgedächtnis schwächelt, die Konzentration lässt nach. Aber das Gehirn zeigt auch neue Stärken: Es verknüpft sehr schnell Informationen und trennt Wichtiges von Unwichtigem