Mein Fitnessstudio wollte sich neulich Geld von mir leihen. Vor der Umkleidekabine lagen Prospekte aus. Mit ihnen wirbt es für seine "Wellness Anleihe". Es will neue Filialen eröffnen und seine Finanzen ordnen. Mein Geld würde meinem Fitnessstudio dabei helfen. Es verspricht mir sechs Prozent Zinsen im kommenden Jahr und sieben Prozent in darauf folgenden. Das ist anständig. Da kann man nichts sagen. Die Verzinsung auf der Bank ist ja grad so gering, da bin ich für jedes Prozent dankbar.

In der Sauna male ich mir schon aus, wie mein Fitnessstudio mich reich macht. Ich könnte bei der Bank Geld leihen für vier oder fünf Prozent. Dann gebe ich das Geld meinem Fitnessstudio und bekomme sechs Prozent zurück. Gleich morgen sollte ich mit meiner Bank sprechen, bevor noch jemand in meinem Studio darüber nachdenkt. Auf so eine Idee kommen ja vielleicht auch Leute mit Muskeln.

Während ich meine Zukunft als Investor plane, schließt ein Gast die Saunatür nur sehr langsam. Ich ärgere mich, wegen der Energieverschwendung. Wenn ich meinem Fitnessstudio bald Geld leihe, dann soll es sparsam sein. Ich frage mich auch, ob die vielen Saunen, derentwegen ich gerne komme, wirklich nötig sind. Oftmals sitzt ja niemand drin. Vielleicht könnte man sie zeitweise schließen. Vielleicht kann mir mein Fitnessstudio dann sogar acht Prozent Zinsen geben. Ich sollte das dem Fitnessstudio gleich vorschlagen, wenn wir erst einmal im Geschäft sind. Ich bin Ökonom, es wird dem Fitnessstudio sofort einleuchten, dass ich da auf eine Goldminen-Idee gestoßen bin.

Zu Hause besuche ich die vom Fitnessstudio eigens für die Anleihen eingerichtete Internetseite. Dort gibt es den Antrag, mit dem ich die Zinsen bekomme. Ich muss schnell sein. Sicher ist die Prospektauslage vor der Umkleidekabine schon nachgefüllt worden.

Im Internet sehe ich, dass sich auch andere Unternehmen Geld von Privatleuten gegen Anleihen borgen wollen: Der Hemdenhersteller eterna will so mit neuen Schulden alte Schulden ablösen und wachsen, der Lakritzeproduzent Katjes möchte mit den Anleiheeinnahmen Unternehmen im westeuropäischen Zuckerwarenmarkt kaufen, der Saftpresser Valensina will expandieren. Ich fühle: Mein Fitnessstudio liegt voll im Trend.

Am nächsten Morgen fahre ich beschwingt ins Büro. Ich habe einen Lauf, ich bin kompetent, ich bin ein Anlage-Genie, ich spüre das, und andere spüren das offenbar auch. Schon wieder möchte sich jemand Geld von mir leihen. Ich sehe sicher aus wie ein Gewinnertyp. Warum sollte man mich sonst sogar in der U-Bahn ansprechen?

Dort bietet man auch sechs Prozent. Das Angebot steht auf einem kleinen Plakat, das im Fenster klebt. Das Unternehmen will mein Geld in Windkraft investieren. Die Argumente leuchten mir sofort ein: Wind ist Zukunft, die Energiewende macht die Windkraft wichtig, meine Kinder werden in einer besseren Windradwelt leben. Klar, dass man damit Geld verdienen kann. Das verstehe ich sofort. Vielleicht sollte ich doch mein ganzes Geld in den Wind schießen und nicht ins Fitnessstudio?

Dann sehe ich: Das Unternehmen in der U-Bahn heißt Prokon. War da nicht was? Kürzlich hat Prokon Insolvenz angemeldet. Viele Tausend Menschen, die dem Unternehmen Geld geliehen hatten, bekommen nun vielleicht ihre Prozente nicht. Gut, dass ich so gut informiert bin. Die bekommen nichts von mir. Ich habe ja mein Fitnessstudio.

Es ist vielleicht nicht schlau, der Bank von meinem Plan zu erzählen, weil sie dann womöglich selbst bei dem Fitnessstudio einsteigt. Aber ich bin schon lange bei meiner Bank, sie ist eine solide Sparkasse. Sicher wird sie mir das gönnen. Ich rufe meine Beraterin an, und frage, ob sie mir Geld leiht für meinen Fitnessstudio-Deal. Meine Bank sagt: Für 4,85 Prozent sind Sie dabei.

Mein Plan geht auf. Ich bin aufgeregt und kann mich nicht konzentrieren. Dabei kann ich mir das jetzt nicht leisten. Ich muss mir sofort überlegen, was ich mit dem vielen Geld mache, das mein Fitnessstudio mir einbringen wird. Ein Leben ohne neue Zinsen kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich muss mir überlegen, wo ich Geld anlege, wenn mein Fitnessstudio sich später nichts mehr von mir leihen mag. Laufen ist sicher gut. Laufen hilft beim Denken. Beim Laufen bekomme ich immer einen klaren Kopf.

Bei Kilometer sieben auf dem Laufband frage ich mich, ob es sinnvoll ist, sieben Kilometer zu laufen, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Bei Kilometer acht, warum mein Fitnessstudio sich nicht selbst Geld bei der Bank leiht, wo die Zinsen doch gerade so niedrig sind wegen der Krise und der Zentralbank.