Als kleiner Junge auf der Pferderennbahn gehörte Christophe Barraud, 27, zu den Gewinnern. Die Wochenenden seiner Kindheit hat er mit dem Vater im Hippodrom von Cagnes-sur-Mer nahe Nizza verbracht. Heute sagt der Franzose mit der Vollglatze nicht mehr den Lauf von Gäulen vorher, sondern jenen der US-Wirtschaft. Wieder liegt er oft richtig, diesmal mit weitreichenderen Folgen: Seine Kunden – Banken, Versicherungen und Hedgefonds – investieren viele Millionen, wenn Barrauds morgendliche Rundmail vielversprechend klingt. Oder ziehen das Geld zurück, wenn das Schreiben Warnungen enthält. "Es ist auch ein Gefühl von Macht", sagt er.

Der junge Chefökonom von Market Securities LLP in Paris hat fünf Quartale hintereinander die präziseste Prognose für das amerikanische Wirtschaftswachstum aufgestellt. Seine wöchentliche Vorhersage setzt sich aus fünfzehn Indikatoren zusammen, zu denen etwa der Häuserbau und die Entwicklung der Arbeitslosigkeit gehören. Das Magazin Bloomberg Markets gibt jeden Monat und jedes Quartal ein Ranking der 60 besten Analysten der amerikanischen Wirtschaft heraus und kürt einen Jahressieger. Seit 15 Monaten steht Barraud an der Spitze. Das ist einmalig in der Geschichte des Rankings. Und weil er 2013 auch insgesamt die besten Prognosen errechnete, druckte das Magazin sein Gesicht Ende des Jahres auf das Titelblatt. Am 1. März veröffentlicht Bloomberg die neueste Monatsrangliste. Die Chancen stehen gut, dass Barraud sie weiterhin anführt.

Ein besonderes Händchen für Vorhersagen hatte er schon immer. Mit 16 Jahren verdoppelte er bei Pferderennen sein Taschengeld. Später experimentierte er mit Computermodellen, um noch besser zu wetten, mit 20 Jahren bot er auf einer Website Prognosen für Tennis- und Fußballspiele, Präsidentschaftswahlen und politische Entscheidungen an. Schließlich schrieb er seine Doktorarbeit über Die informationelle Effizienz bei Pferdewetten und ihre Parallele zu Börsenmärkten. Fazit: Menschen, die auf Huftiere wetten, verhalten sich ähnlich irrational wie Investoren an der Börse. "Auch in der Wirtschaft folgen die Menschen häufig ihrem Gefühl – Privatpersonen lassen zum Beispiel mehr Häuser bauen, wenn die Stimmung durch sportliche Erfolge des Landes besser ist", sagt Barraud.

Er hat auch die Regeln des Prognosebusiness früh begriffen. Eine davon lautet: "Starke einzelne Ausreißer sind häufig falsch. Du musst schon in der ungefähren Mitte der Konkurrenz-Prognosen liegen", sagt er.

Barraud arbeitet in einem schicken Büro am Pariser Triumphbogen. Mit ökonomischen Prognosen lässt sich eine Menge Geld verdienen. Seit er die Bloomberg-Rangliste anführt, haben sich Dutzende Firmen, Banken und Versicherungen bei ihm gemeldet. Sie wissen um die generelle Unzulänglichkeiten von Prognosen, können und wollen aber auf sie nicht verzichten.

Barraud sieht seinen Job als unerlässlich für den Reichtum der Gesellschaft an. "Wer heute in Sibirien aufwendig nach Öl bohrt, möchte doch abschätzen lassen, ob der Ölpreis auch in drei Jahren noch so hoch liegt." Seine Vorhersagen würden Vertrauen schaffen, und ohne Vertrauen gebe es keine Investitionen.

Tatsächlich haben etwa Jahresvorhersagen im Januar ihren festen Platz in der Tagesschau, und Dutzende Institute rangeln um die besten Zahlen. Treffsicherheit bringt Kunden – und die Besten beeinflussen auch Regierungsentscheidungen. Senkrechtstarter Barraud hatte schon als Praktikant mit einer US-Analyse Erfolg. "Bereits damals habe ich genauer auf die regionalen Unterschiede geguckt als meine Konkurrenten", sagt er. Künftig will Barraud auch Europas Wirtschaftswachstum vorhersagen. "Da möchte ich auch Erster sein", sagt er.

Die Entwicklung der Wirtschaft eines Landes hängt von vielen Faktoren ab, Volkswirte vereinfachen die Welt und fassen sie in Modelle. Ist Barrauds Herangehensweise wirklich dauerhaft überlegen?