Von einem Riesengebäude, schrieb einmal der Schriftsteller W. G. Sebald, könne niemand, der bei Verstand sei, behaupten, es sei schön. Einen monströsen Palast staune man bestenfalls an, und dieses Staunen sei "bereits eine Vorform des Entsetzens, denn irgendwo wüssten wir natürlich, dass die ins Überdimensionale hinausgewachsenen Bauwerke schon den Schatten ihrer Zerstörung vorauswerfen und konzipiert sind von Anfang an im Hinblick auf ihr nachmaliges Dasein als Ruine".

Sobald ein missliebiger Herrscher stürzt – wie vor einigen Tagen der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch –, eröffnet sich dem Volk mit größter Wahrscheinlichkeit der Blick auf eine groteske, überdimensionierte Pracht: Das Hauptgebäude, häufig im neoklassizistischen Stil und mit allerlei Säulen, ist umgeben von einem Garten mit Rutschen und Karussell (Gaddafi), einem Zoo (Janukowitsch) oder einem Park mit Swimmingpool und riesigen Volieren für exotische Vögel (Saddam Hussein). Nicolae Ceauşescus Hang zu Marmorfliesen und vergoldeten Schnörkeleien in seinem Anwesen erstaunte nach seinem Sturz niemanden, hatte er sich doch mitten in Bukarest, also gut sichtbar, die semi-private Casa Poporului errichten lassen, noch heute das größte Gebäude Europas, dem einst ganze Viertel weichen mussten.

Sie ist freilich ein Sonderfall – anders als Königsschlösser früher sind die Paläste der Despoten in der Regel gut versteckt, der Herrscher gelangt vorzugsweise mit dem Hubschrauber oder in einer verdunkelten und gepanzerten Limousine hinein, und solange er an der Macht ist, erblickt außer ihm nur sein Clan die geschmacksverwirrte Herrlichkeit. Königsschlösser suchten die Öffentlichkeit und durften es – sie waren sichtbarer Ausdruck legitimer Herrschaft. Der Palast des illegitimen Despoten, der sich an die Macht gegaunert hat, ist ein paradoxes Gebilde: Er soll auch repräsentieren, vielleicht sogar einschüchtern, aber seine Botschaft kann sich während der Amtszeit des Herrschers nur an die engsten Gefolgsleute richten. Erst wenn der Despot stürzt, zeigt sich sein kurioser Bau dem Volk, und so gut wie immer wird er mit Lust geplündert. Dem Despotenpalast ist die Repräsentation nur negativ eingeschrieben: Er wird der Weltöffentlichkeit häufig erst im Zustand der Ruine bekannt.

Fast alle Despoten neigen zu künstlerischer, schriftstellerischer und architektonischer Leidenschaft (vgl. Despoten dichten. Hrsg. Albrecht Koschorke, Konstantin Kaminskij; Konstanz 2011). Dagegen ist an sich nichts zu sagen, würde ihr Kunstsinn nur nicht so häufig ins Manierierte, Verschnörkelte, ins Neverland-Ranch-Artige ausschlagen. Die Geschmacklosigkeit der Despoten kann nämlich nicht nur auf dem jede Ökonomie sprengenden Überfluss gründen – Königsschlösser prunkten auch. Was die Despotenpaläste in ästhetischer Hinsicht zweifelhaft macht, ist, recht besehen, nicht so sehr der Hang zu Größe und herausgestelltem Reichtum, sondern das Ungebildete, Kindische, Vergnügungsparkhafte: die Kloschüsseln aus Gold, sternförmige Pools, bizarr lange Reihen von Waschbecken, ein irritierender Stilmix der Innenräume, der eher an Hotels als an Schlösser erinnert. Janukowitschs Villa ist eine Mischung aus Datscha, Schweizer Chalet und italienischem Palazzo und damit in etwa so zerrissen wie das ganze Land.

Die Brutalität des Herrschers korrespondiert mit der lustigen Verspieltheit seiner Behausung. Wer so unschuldig ist, kann nur grausam sein.