Zu den Standards im Schreiben über Pop gehört die Beschwörung lebensverändernder Kräfte. Es macht etwas mit einem, wenn man nachts das Ohr an den Lautsprecher eines Radios presst, rotierenden Scheiben geheime Botschaften ablauscht, es hat Folgen, wenn man, der Einzelhaft des Kinderzimmers entronnen, aus der magischen Kiste des DJs das Evangelium des Beats entgegennimmt. Wer der Wirkung von Pop hinterherhorcht, schreibt immer auch von einer Urszene her: dem Moment, in dem er in die Gemeinde der Wissenden aufgenommen wurde. Was das allerdings für eine Macht sein soll, die Hörern offenbarungsgleich in Haupt und Glieder fährt, darüber wird noch gestritten. Faustregel: Wo zwei Popkritiker in einem Raum versammelt sind, herrschen drei Meinungen.

Popkritik ist eben nicht einfach Kulturvermittlung, sie verhandelt Fragen eines besseren, richtigeren Lebens: Generationen haben zu Popsongs von brennenden Barrikaden geträumt, von freier Liebe und anderen kulturrevolutionären Umtrieben. Dass die Popkritik der Ethik näher steht als der Askese strenger Wissenschaft, war lange ihr Plus: Von der Popkultur lernen hieß, sich von zweifelhaften Subjekten zu Dingen verführen zu lassen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Im Lauf eines halben Jahrhunderts hat jedoch auch das Denken rund um Erweckungen und Initiationen Entzauberungen hinnehmen müssen. Pop ist nicht nur von den Rändern in die Mitte gewandert, er verträgt sich prächtig mit dem jeweils neuesten Kapitalismus. Während die letzten Vertreter des Heldenzeitalters, von Bob Dylan bis hin zu den unverwüstlichen Rolling Stones, vor Alt und Jung ihre immerwährenden Abschiedstourneen zelebrieren, fragt eine diskursiv ausgenüchterte Poptheorie, was aus den Versprechen von damals geworden ist. Mitten in dieses babylonische Stimmengewirr hinein meldet sich Diedrich Diederichsen mit einem Powerakkord zurück.

Über Pop-Musik – bereits der Titel seines neuen Buchs eröffnet eine Fluchtlinie von Susan Sontag (Über Fotografie), Friedrich Schiller (Über die ästhetische Erziehung des Menschen) bis hin zu Gaius Julius Cäsar (De bello Gallico). Den Stichwortgeber zu drängenden Zeitfragen hat Diederichsen, einst bewunderter und gefürchteter Popgroßkritiker, inzwischen Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, diesmal zu Hause gelassen, auf 600 Seiten spricht er mit der Autorität eines Mannes, der sämtliche Formen seines Gegenstands durchschritten hat, sich in allen einschlägigen Theorien auskennt, jede taktische Volte aus dem Effeff beherrscht, um sich nun, im Alter von 57 Jahren, noch einmal der Frage der Fragen zuzuwenden: Was ist Pop? Sagen wir es gleich: Es ist ein Buch der Widersprüche geworden, dieses Opus magnum, trotz oder wegen des hohen Anspruchs. Es beschreibt Pop als Tor zur Welt und zugleich als historisch abgeschlossene Epoche. Es zielt über den Kreis des Akademischen hinaus, liest sich aber über weite Strecken wie eine nachgereichte Doktorarbeit oder Habilschrift. Es betreibt einen enormen gedanklichen Beeindruckungsaufwand, kreist aber um eine vergleichsweise simple Grundfigur.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014; 468 S., 39,99 €

Diederichsens These: Popmusik ist weniger als Musik. Verglichen mit den souveränen Kunstschöpfungen des 19. Jahrhunderts, spielt sie immer schon auf einem Terrain des Vernutzten, Warenförmigen, industriell Kontaminierten. Pop ist die Kultur, die nach der Katastrophe der Weltkriege kam, eingängig, auf Effekt getrimmt, arbeitsteilig produziert, ein Hohn auf sämtliche Versuche, der Übermacht des Hergestellten unvergängliche Altäre entgegenzusetzen. Autonome Kunst? War einmal. Jeder Hit beweist: Nicht das Individuum regiert, it’s the economy, stupid! Weil Pop aber von der Partizipation der Konsumenten lebt, ist Pop zugleich mehr als nur Musik. Anders als Theater und Film, anders auch als die Literatur mit ihrem einsamen, über Buchseiten gebeugten Leser hat dieser Hybrid aus Sounds, Rhythmen und Bildern den sozialen Raum erobert. Parallel zum Niedergang des Guten, Wahren und Schönen lässt sich der Aufstieg von Pop also auch als Emanzipationsgeschichte lesen: Stimmen, die bislang von der Mitsprache ausgeschlossen waren, verschaffen sich Gehör. Dass sie aus der Warenwelt kommen, ist zugleich das Zeichen ihrer Aktualität: Hierher, nicht aus überlebten Kunstanstrengungen, weht der Geist der Zeit.