Zu den Scheußlichkeiten des menschlichen Zusammenlebens gehört Sex mit Abhängigen, weil Zwang im Spiel ist. Noch abscheulicher ist Sex mit Kindern, weil das Machtgefälle total ist. Hinzu kommt der Bruch eines moralischen Gesetzes, dem jedwede Kultur gehorcht: der Schutzpflicht gegenüber den Hilf- und Wehrlosen. Doch sind, wie der Fall Edathy zeigt, Abscheu und Empörung nicht die besten Ratgeber. Denn je lauter die Entrüstung, desto schwächer die Stimme des Rechts.

Lassen wir den Koalitionskrieg beiseite. Hier ist das Sühneopfer schon gefunden: Hans-Peter Friedrich. Vielleicht wird noch dieser oder jener gehen, aber die Koalition bleibt bestehen, hält sie doch vier Fünftel der Sitze im Bundestag. Bleiben wir bei Sebastian Edathy, der jetzt schon als Mensch und Politiker erledigt ist – ohne Anklage, Verfahren und Verurteilung. Ihm wird angelastet, getan zu haben, was nach § 184c "Verbreitung, Erwerb und Besitz jugendpornographischer Schriften" nicht strafbar ist. Offenbar erfüllen die von ihm gekauften Bilder nach unserem heutigen Wissen nicht den Tatbestand der "sexuellen Handlungen von, an oder vor Personen von 14 bis 18 Jahren". Das BKA ist vorsichtig; allenfalls manche seien im "Grenzbereich".

Ekel und Erregung sind immer geboten, wenn es um "Sex und Kinder" geht. Doch ist Pornografie ein schlüpfrig Ding. Vorweg die Beck’schen Kurzkommentare (2013): Pornografie "ist ein unbestimmter Rechtsbegriff und gesetzlich nicht definiert". So gesellte sich zum wackligen Anfangsverdacht, der die zögerliche Bearbeitung erklären könnte, ein löchriger Tatbestand. Das Doppelmanko ergab ein gar morsches Sprungbrett für Edathys plötzlich aufgescheuchte Verfolger in Politik und Justiz.

Diese Kaskade von Ermittlung, Durchsuchung und Karrieretod müsste einen Freund des Rechtsstaates das Fürchten lehren. Die Empörungsexperten in den Talkshows und Gazetten aber haben solche "Legalismen" ungerührt beiseitegeschoben. Enthüllend ist das fadenscheinige Standardargument, das in unserer Jugend "Einstiegsdroge" hieß: Wer Gras raucht, landet bei Heroin. Jetzt behauptet ein Ermittler, dass noch kein "Verdächtiger es bei den harmloseren Nacktfotos belassen" habe. Oder: Schon das Horten solcher Bilder lasse "vermuten, dass da noch mehr ist".

Die Logik ist so kraus wie die Empirie. Etwa: Wer ein Messer hat, wird auch zustechen; wer sich nackte Kinder an die Wand hängt, wird sich auch an ihnen vergehen. Denn selbst legale Bilder würden letztendlich die Seelenkrankheit bezeugen, die den Schändungswillen in sich trägt. So wird die Beweisfindung von hinten aufgezäumt. Wir werfen das Netz in der Hoffnung aus, mit der Beute den Angelschein zu rechtfertigen: den handfesten Anfangsverdacht. Der müsste aber dem Verfahren vorausgehen. "Da wird schon mehr sein" ist rechtsstaatlich dubios.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Ganz knapp: Der Rechtsstaat darf dem Gesetz nicht mit außergesetzlichen Mitteln zum Sieg verhelfen, egal, wie heilig unser Zorn. Außerdem: Was ist, wenn Edathy sich als Entwicklungsgestörter entpuppt, der seine Kinderfixierung nur pflegt, aber nicht auslebt? Zu spät; den Mann holen wir nicht mehr aus dem Feuer. Fazit: Wir dürfen Abscheu empfinden, wir müssen unsere Kinder schützen – aber auch den Rechtsstaat, der uns alle schützt. Im Falle Edathy ist der schwierige Balanceakt misslungen.