Biller rühmt Saša Stanišić für seinen ersten Roman, weil dieser aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg erzähle. Und er verdammt Stanišić als Opportunisten, weil sein zweiter Roman in der Uckermark spielt. Ich muss sagen: Verglichen mit Billers stoffästhetischem Normenregiment war der Sozialistische Realismus des ZK eine weitherzige Poetologie! In Billers Argument steckt auch eine verteufelte positive Diskriminierung: Der Autor mit Migrationshintergrund ist nämlich nicht mehr frei, den Stoff aufzugreifen, der seinen Formvorstellungen den größten Spielraum eröffnet, statt dessen ist seine Herkunft sein literarisches Schicksal! Danach hätte Michael Ondaatje nie den Englischen Patienten schreiben dürfen, sondern hätte davon erzählen müssen, wie es ihn von Sri Lanka nach England verschlagen hat.

Der Erste übrigens, der sich gottlob nicht an seine Norm hält, ist Biller selbst: Keine Scheu hatte er, in seinem Erzählungsband Liebe heute wie nur je ein Absolvent des Leipziger Literaturinstituts von den melancholischen Gefühlsverwirrungen großstädtischer thirty-somethings zu erzählen. Er wolle, erklärt Biller jetzt, eine Literatur, die "voller Leben und Widersprüche" sei. Wer wollte das nicht? Allerdings gibt es über die Art der Widersprüche widersprüchliche Ansichten. Und eines weiß ich, auch wenn es bei Biller keine Rolle spielt: Aufregend ist Literatur immer nur dann, wenn ihr durch die geniale Form ein neuer Blick auf unsere immer schon zum Klischee erstarrte Wirklichkeit gelingt. So hat Feridun Zaimoglu die deutsche Literatur nicht nur um neue, migrantische Stoffe bereichert, sondern um einen Sprachmanierismus, wie man ihn so schon lange nicht mehr im Deutschen gehört hatte.

Biller überhöht den erfahrungssatten migrantischen Autor als abstraktes Ideal, der allein die deutsche Literatur aus ihrer selbstreferentiellen Sterilität (auch so eine Phrase, bei der immer alle wie die Dackel nicken) erlösen könne. Gleichzeitig verhöhnt er ihn in seiner irdischen Manifestation. Da wird Zaimoglu zum Kollaborateur, weil er das Pech hatte, von der Literaturkritik gefeiert worden zu sein. Ich habe den Eindruck: Hier muss einer seine seit 30 Jahren für sicher gehaltene Bastion verteidigen, der einzige Kosmopolit im deutschen Literaturbetrieb zu sein.

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