Der Zopf, den die preußischen Soldaten im 18. Jahrhundert tragen mussten, wurde, als mit der Französischen Revolution eine neue Epoche anbrach, zum Zeichen der Rückständigkeit, und die Studenten des Wartburgfestes 1817 warfen einen solchen Zopf in die Flammen. Auch im alten China war die Zopffrisur verbindlich, und nach der Revolution 1911 wurden die alten Zöpfe abgeschnitten. Das war für die FDP Grund genug, 1969 mit der Parole "Wir schaffen die alten Zöpfe ab!" in den Wahlkampf zu gehen. Da man schon lange niemanden mehr mit einem Zopf gesehen hatte, außer vielleicht ab und zu ein Schulmädchen, waren die Wähler außerstande, die Aktualität des Zopfproblems zu begreifen, und die FDP verlor 3,7 Prozent.

Neuerdings jedoch kehren die alten Zöpfe zurück. Nein, wir reden nicht von der FDP, die selber zum alten Zopf geworden ist und deren Wiederkehr niemand erhofft außer ihr selbst. Wir reden von dem traurigen, höchst ungewissen Schicksal der Ukraine, deren gewesener Präsident mit einem Lastwagen voller Dollarnoten auf der Flucht sein soll. Ein Lastwagen voller Geld! Das dürfte sogar die Zürcher Bahnhofstraße vor gewisse Probleme stellen.

Auf einmal jedenfalls, als wäre sie nie weg gewesen, ist Frau Timoschenko wieder da. Es war und ist ja an ihr vor allem die gewaltige Zopfrotunde zu bewundern, mit der sie ihr Madonnenhaupt zu schmücken beliebt. Und jetzt ist der blonde Zopf über Nacht zurückgekehrt, und man fragt sich: Was soll das bedeuten. Rückschritt? Fortschritt? Handelt es sich um Nietzsches ewige Wiederkunft des Gleichen, von der es heißt: "Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins"? Jeden Morgen geht die Sonne auf, und jeden Morgen macht die schöne Julija aus ihrem langen Haar einen wundervollen Zopf. Friseure sprechen hier von einer Gretchenfrisur. Tatsächlich trägt Fausts Gretchen in alten Inszenierungen gerne Zöpfe. Flechtend steht das Kind vorm Spiegel und singt: "Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / Und nimmermehr."

Niemand weiß, ob Gretchen blond war und ob Frau Timoschenkos Herz schwer ist. Manche Berichterstatter jedoch sagen, dass ihr Haar eigentlich brünett sei. Falsche Farbe also und falsches Gretchen! Guido Westerwelle, den sie ja noch aus ihrer Amtszeit kennt, sollte ihr raten, den alten Zopf abzuschneiden. Frauen an der Macht tragen kurzes Haar, jedenfalls im fortschrittlichen Westen.

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