Der Kölner Autor Frank Schätzing wurde mit seinem Thriller Der Schwarm bekannt, nun hat er einen neuen Roman geschrieben: Breaking News spielt in Israel, dort ist der Kriegsreporter Tom Hagen einer Verschwörung auf der Spur. Hagen kämpft um seinen Ruf, weil er sich einst in einer Nacht in Afghanistan überschätzte. Von dieser Nacht erzählt der leicht gekürzte Text auf den nächsten Seiten: Die Bundeswehr hat mithilfe Hagens ein Versteck aufgespürt, an dem die Taliban drei Geiseln gefangen halten. Hagen wird untersagt, bei der Befreiungsaktion zuzusehen. Trotzdem klettert er nachts mit seiner Kollegin Inga und dem Fotografen Krister Björklund auf einen Berghang über dem Gehöft.

Illustration von George Butler © George Butler

Hagen blinzelt. Schaut auf die Uhr.

Halb fünf durch.

Sollte es nicht bald mal losgehen?

Von welcher Seite werden sie einfallen?

Ganz sicher kommen sie nicht durchs Tal reingeknattert, so viel steht fest. Damit würden sie eine Welle aus Lärm vor sich herschieben, die den Männern im Compound luxuriös viel Zeit ließe, ihre Kalaschnikows durchzuladen. Ergo nähern sie sich von jenseits des Kamms. Was aus verschiedenen Gründen Sinn ergibt. Solange sie im Tiefflug sind, wird das benachbarte Tal den Schall schlucken, und sie bleiben bis zur letzten Sekunde unsichtbar. Dann hochziehen, über die Kuppe hüpfen, gleich wieder runter, Zugriffteams auswerfen. Bei Befreiungsaktionen zählt das Momentum. Sobald man aufplatzt, wie es im Jargon so schön heißt, muss man die Bösen praktisch schon von den Geiseln separiert haben. Sprich, mittig rein, truppweise die Gebäude durchkämmen, Kämpfer entwaffnen oder liquidieren, während die Gefangenen bereits rausgeholt werden, deren Aufenthaltsort dank der Sniper genauestens bekannt ist.

Und nichts wie ab.

Es sind die ersten Sekunden, die über Gelingen und Scheitern der Aktion entscheiden. Sekunden, die Hagen kraft seines Willens herbeizuzwingen versucht, während der Gedanke, dass sie es abgeblasen haben, wie ein Betrunkener hinter seiner Stirn randaliert.

Als er schon ernsthaft zu zweifeln beginnt, entfährt Björklund ein unterdrücktes Husten.

Idiot!

Kann da unten jemand was mitbekommen haben? Er spitzt die Ohren. Spitzt sie so sehr, dass ihm das ferne, mehr ahn- als hörbare Dröhnen nicht entgeht, das im Moment des Erklingens schon wieder verstummt, herangetragen von einer verräterischen Luftströmung.

Adrenalin flutet seinen Körper.

Er macht den anderen Zeichen, reckt den Daumen zum Himmel. Sieht, wie Björklund seine Kamera in Position bringt, Inga sich aufrichtet, die Handycam umklammert, sich vorbeugt.

Das Gleichgewicht verliert –

Ins Rutschen gerät –

Hält den Atem an.

Inga rudert wild mit den Armen. Einen trügerischen Moment lang scheint es, als werde sie sich fangen. Fuchtelnd kämpft sie um ihre Balance, verkrallt sich in Björklunds Ärmel –

Dann bröckelt der Saum des Grats unter ihr weg, und sie schlittert den flachen Hang hinab, den Fotografen mit sich reißend.

Geräuschvoll wie eine Lawine gehen die beiden zu Tal.

Vor den Augen der Sniper.

Vor den Augen der Wachen.

Und die fangen da unten an rumzuschreien wie am Spieß. Wecken den ganzen Compound auf mit ihrem Gebrüll. Feuern wie wild in den Hang, wo sie Inga und Björklund in der Dunkelheit vermuten, während Männer aus dem Hauptgebäude gestolpert kommen, ihre Kalaschnikows in Anschlag bringen, verwirrt, da sie nicht wissen, aus welcher Richtung der Angriff droht, falls es überhaupt einer ist. Zwei verschwinden im Nebengebäude und kommen mit etwas Langem wieder zum Vorschein, RPGs, sowjetischen Panzerfäusten, selbst auf diese Entfernung unverkennbar, gehen in Stellung.

Hagen glaubt schier verrückt zu werden.

Und weil er nichts anderes tun kann, hält er in einem Reflex mit der Kamera drauf. Schwenkt vom Compound auf den Hang unter ihm. Sieht im Geisterbahnlicht der Nachtsichtbrille, wie Björklund seinen Sturz abbremst, sich fängt, anders als Inga, die weiter auf dem Hosenboden talwärts rasselt, hüpfend und sich drehend.

Die Sniper!

Was ist mit den Snipern?

Werden sie die Aktion abbrechen? Können sie das zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch? Wie lange wird es dauern, bis –

Über ihm brüllt der Himmel.