"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So beginnt Franz Kafkas 1925 posthum veröffentlichter Roman Der Prozess, und man braucht diesen Satz nur ein wenig abzuwandeln, und schon ist er von skandalöser Aktualität: Ohne dass sie etwas Böses getan hätten, sollten "verdächtige" Bürger von amerikanischen und britischen Geheimdiensten durch Rufmordkampagnen verleumdet werden. Das jedenfalls behauptet der Journalist Glenn Greenwald im Magazin The Intercept, und er belegt es mit Quellen aus dem Material von Edward Snowden. Politische Aktivisten, Hacker und andere Verdächtige galten als "Zielpersonen", die durch Falschbehauptungen, manipulierte Webseiten, erfundene Mails und Sexfallen öffentlich bloßgestellt und denunziert werden sollten. Laut Greenwald geht der Vorschlag, das Netz zu "infiltrieren", auf Obamas Berater Cass Sunstein zurück, einen bekannten Rechtswissenschaftler, der im Suhrkamp Verlag einen vielversprechenden Titel veröffentlicht hat: Infotopia. Wie viele Köpfe Wissen produzieren.

Angenommen, die Enthüllungen stimmen (bislang stimmten sie immer), dann hätten westliche Geheimdienste mehr vom kafkaesken Sozialismus gelernt, als die demokratische Standardrhetorik vermuten lässt. Was Greenwald an "Zersetzungsmaßnahmen" präsentiert, las sich in der berüchtigten Stasi-Richtlinie Nr. 1/76 einmal so: "Systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf Grundlage unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer Angaben". Die britische Geheimdienstgruppe zur Netzbeobachtung nennt sich übrigens Human Science Operations Cell.

Ob es sich bei diesen "Maßnahmen" nur um Gedankenspiele handelt, lässt Greenwald offen, doch schon ihre Existenz ist ungeheuer genug. Ungeheuer deshalb, weil der ganze Stolz der liberalen Demokratie auf zwei Legitimationsfiguren ruht: Die Demokratie hat das Verhältnis von Herr und Knecht abgeschafft und den absoluten Herrscher vom Thron gestürzt. Nun bedarf es keiner seherischen Gaben, um in der empörenden Ungleichheit demokratischer Gesellschaften die Macht der kapitalistischen Herren über die Knechte im Prekären auszumachen. Und mit bloßem Auge ist im Selbstverständnis der Geheimdienste ein dunkler vordemokratischer Rest zu erkennen: das Gebaren des absoluten Herrschers, jenes kalten Souveräns, der eine Atmosphäre des totalen Verdachts und Schuldigseins erzeugt, eine kafkaeske Form von Verrücktheit, in der am Ende nur eines vernünftig scheint – das Misstrauen gegen alles und jeden. Nur die Scham soll ihn überleben.