Du musst dagegen sein

Natürlich, die Ofen-Szene. Welche sonst? Jonathan Lethem, in diesen Tagen fünfzig geworden, schnellt mit der ewigen Jugendlichkeit des Schnelldenkers von seinem Stipendiatensofa in der American Academy hoch und lacht. Sehr laut. Nachdem er das Wort Herz gehört hat.

"Das Herz des Romans? Nennen wir es nicht Herz. Sagen wir: Ground Zero. Es ist die Ofen-Szene." Das Letzte sagt er fast entschuldigend. Dann schweigt er einen Moment und schaut angestrengt am Besucher vorbei auf die Wand des Fellow-Häuschens, idyllisch am Berliner Wannsee gelegen, das ihn und seine Familie für fünf Monate beherbergt. "Im Grunde handelt Der Garten der Dissidenten von zwei Fragen: Gibt es einen Kommunismus nach Stalin? Und: Gibt es eine Mutter nach der Ofen-Szene?"

Man kann sagen, dass Jonathan Lethem, der mit dem Brooklyn-Epos Die Festung der Einsamkeit (2003) bekannt wurde, in seinem neunten Roman Der Garten der Dissidenten beide Fragen mit einem klaren Nein beantwortet – auf fast 500 mitreißend vibrierenden Seiten und einer verschlungenen Erzählreise durch 80 Jahre und drei Generationen amerikanischen Widerstands, in Lethem-typischen, also "herrlich betrunkenen Sätzen, die es dennoch schaffen, gerade zu gehen", wie die New York Times mal seine überbordende Schreibweise treffend ins Bild gesetzt hat.

Die Ofen-Szene also. Ende der fünfziger Jahre in Queens, New York. Rose, Jüdin, orthodoxe Marxistin, verlassene Ehefrau und alleinerziehende Mutter, die aus der Kommunistischen Partei geworfen wurde, weil sie mit einem schwarzen Polizisten schlief – Rose findet ihre Tochter Miriam mit einem jungen Mann im Bett. Und bekommt einen melodramatischen Rose-Anfall. Sie jammert ihre Tochter in Grund und Boden und reißt sich, um Miriams Schuldgefühle so richtig blühen zu lassen, die Bluse vom Leib und präsentiert die inzwischen welken Brüste, die die Undankbare einst gepäppelt haben. Dann dreht sie den Gashahn auf und steckt erst den eigenen Kopf in den Ofen, dann auch den der Tochter, die verdutzt Folgendes denkt: "So erwarb man das Recht, einen Mord zu begehen: Man musste zunächst die Bereitschaft zeigen, sich selbst zu ermorden."

Der Mord findet nicht statt. Rose beruhigt sich, und während die beiden übereinanderpurzeln, stöhnt Rose: "Du würdest das machen, du würdest sterben, bloß, um mich loszuwerden." Das nennt man eine heillose Mutter-Tochter-Verstrickung, um einen gewaltigen Tick überzeichnet, das schon. Larger than life, wie Jonathan Lethem später lächelnd sagen wird. Lethem, den einige für den legitimen Nachfolger Philip Roths halten, hat hier einem anderen Großmeister seine Reverenz erwiesen: Woody Allen und seinen grellen Klischees von der monströsen jüdischen Mamme.

Eine Jüdin, die ihre Tochter fast vergast – das ist Lethems gallenbittere Art, zu zeigen, dass auch Rose nur ein Opfer ist und auf gespenstische Weise noch immer im Bann des Holocaust steht, eine Hysterikerin, die mit zum Himmel schreiender Hilflosigkeit ihre Ohnmacht demonstriert, indem sie den Mord an ihrem Volk auf verquere Weise in ihrer Küche nachinszeniert. Wenn die Ofen-Szene das dunkle Zentrum des Romans darstellt, dann ist der Krieg die Detonation in der Backstory, deren Schockwellen bis in die Gegenwart reichen.

"Als Kind habe ich Geschichten über den Zweiten Weltkrieg gehört, und ich hatte den Eindruck von etwas Abgeschlossenem, von etwas, das vorbei war", sagt Lethem. "Das war um 1972, 73. Jetzt, 2014, habe ich das Gefühl, der Krieg war gestern."

Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen. Davon erzählt der Roman. Für Rose, ihre Flower-Power-Tochter Miriam und deren Sohn Sergius bedeutet dies, dass sie mehr mit der Geschichte verbunden sind als mit irgendetwas sonst. "Rose war geschieden, aber immer noch mit einem Jahrhundert verheiratet, das auf dem Kopf stand." Als Rose noch nicht geschieden war, sondern mit dem vor den Nazis nach Amerika geflüchteten Deutschen Albert Zimmer in die linke Siedlung "Sunnyside Gardens" zog, wurde gerade der Hitler-Stalin-Pakt verkündet. In dem Moment, in dem sie eine Familie gründen wollte, wurde ihr Leben als Kommunistin zerschmettert. Nachdem sich Albert in die DDR abgesetzt hat und Chruschtschow 1956 in seiner Geheimrede über Stalins Verbrechen gesprochen hat, sitzt Rose in den rauchenden Ruinen ihrer Träume. Was bleibt? Brunnentiefe Verbitterung bei eisenhartem Beharren auf der eigenen Kämpferidentität. Roses Wut bekommt die Wucht einer Rachegöttin. "Bei Rose ging es immer um Macht." Das Familiendrama hat deshalb die Ausmaße einer antiken Tragödie. Lethem, der selbst in einer Hippie-Kommune aufgewachsen ist, inszeniert ein furioses Hin und Her aus heftiger Abgrenzung und unterschwelliger Fortschreibung des Familienauftrags, der da lautet: Du musst dagegen sein! Er verfolgt das amerikanische Protestbewusstsein durch die Generationen, von Marxisten über New-Age-Leute bis zu Poststrukturalisten, und legt dabei eine Tradition der Deformationen bloß, eine Spur emotionaler Verwüstung. Jeder verletzt jeden, weil er der Gefangene seiner Überzeugungen bleibt.

"Alle Aspekte meiner Heimatlosigkeit finden in Europa eine Antwort"

Miriam hasst ihre agitierende Mutter, heiratet den harmlosen Folksänger Tommie – und wird mit ihm zusammen in Nicaragua im Kampf für die Sandinisten getötet. Sohn Sergius wurde in einem Quäker-Internat geparkt, wo er unter Anleitung ganz auf das "innere Licht" vertraut und eine Art Gedächtnisverlust erleidet. Er kann oder will sich nach dem Tod der Eltern partout nicht an sie erinnern, bis er in eine Krise gerät und zum "Zeitpiloten" wird.

Ein Enkel, der dem Leben der Eltern und Großeltern nachrecherchiert – das ist die geradezu konventionelle Ausgangssituation, ungewöhnlich für Lethem, der in seinen Büchern sonst turbulente Ausflüge ins Fantastische unternimmt und mit Science-Fiction- und Comicelementen jongliert. Der Garten der Dissidenten ist autobiografisch grundiert. Auch Lethems Mutter starb früh, auch seine Großmutter war eine Aktivistin. "Meine Großmutter und meine Mutter waren politische Wesen und befanden sich in einem radikalen Konflikt miteinander. Für den Roman musste ich sie verändern, aber die Figuren haben mich verstehen lassen, was ich immer nur gespürt habe: den Preis ihres Engagements."

Es gibt in Der Garten der Dissidenten einige langatmige Schilderungen, und dass der anfangs so naive Sergius schließlich bei der Occupy-Bewegung seine Protest-Seite entdeckt, ist so naheliegend, dass es schon wieder zurechtgehämmert wirkt. Aber dass die Verschmelzung von Politischem und Privatem ansonsten nicht konstruiert erscheint, liegt daran, dass Lethems Figuren große, zu Herzen gehende Leidende sind, vor allem Rose und Ziehsohn Cicero, der schwarze, übergewichtige, schwule Universitätsdozent. Sie heulen wie die Wölfe, denn der Widerstand wühlt in ihnen selbst. Je rigoroser sie an ihren Überzeugungen festhalten, desto mehr treibt sie ihr Begehren auf die andere Seite. Erst verliebt sich Rose in einen Polizisten, später in einen Charmeur aus der Eckkneipe, der leider ein sympathisch verkappter Rassist ist. Sex spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle. Als Instrument der Machtausübung, aber auch als Mittel, mit dem die ideologischen Fronten unterlaufen werden und auf irgendwie tröstende Weise doch einiges in Bewegung bleibt.

Die ominöseste Figur ist Roses Ehemann Albert Zimmer, dessen Familie aus der Lübecker Oberschicht stammt und der sie sitzen lässt, um in Ostdeutschland eine zweite Familie zu gründen. Klingt so ausgedacht, dass es wahr sein muss. Lübeck, die Rückkehr nach Deutschland, die zweite Familie – all das kommt aus Lethems eigenem Leben. "Das ist der deutsche Teil des Buches, der für mich ein sehr mysteriöser Bereich ist. Ich kannte meinen Großvater nicht. Für mich war er ein Mythos. In meinen Kinderfantasien war er ein großer ostdeutscher Spion, das erklärte seine Abwesenheit, aber das war er nicht."

Auch im Roman bleibt Zimmer ein Rätsel. Man erfährt nur indirekt etwas über ihn, aus Briefen an Miriam, in denen er ihr Thomas Mann zur Lektüre empfiehlt und gleichzeitig die deutsche Schuld verharmlost. Während Lethem alle anderen Figuren in ihrer jammervollen Zerrissenheit verstehbar macht, ist Albert Zimmer der blinde Fleck. Er ist der offene Spalt, durch den auf subtile Weise etwas Bedrohliches, Ungelöstes in dieses Buch strömt.

Jonathan Lethem sitzt auf dem Sofa, vorgebeugt, und denkt lange über die Frage nach, warum er dieses Mal ein halbes Jahr nach Deutschland gekommen ist und nicht, wie sonst, nur für eine kurze Lesereise. Auf dem Tisch liegen Buntstifte seiner beiden Kinder, ein Stapel bedruckter Seiten. Das Bücherregal hinter ihm ist leer, bis auf ein Fach mit einem Dutzend Germany-Reiseführern. Er sagt: "Alle Aspekte meiner Heimatlosigkeit, das Intellektuelle, das Fatalistische, auch der Zynismus, all das findet in Europa eine Antwort. In Berlin bin ich mir der Vergangenheit in jedem Moment bewusst. Hier um die Ecke steht das Haus der Wannsee-Konferenz. Das erschreckt mich, aber das ist es, was ich im Moment wohl brauche." Wer hier lebt, vergisst es leicht: Für viele ist Berlin noch immer eine unheimliche Stadt.