DIE ZEIT: Julia Roberts, lange Zeit hatten Sie das Image von America’s Sweetheart. Was bedeutete es Ihnen?

Julia Roberts: Es war keine abendfüllende Beschäftigung, das können Sie mir glauben.

ZEIT: Was war es dann?

Roberts: Ein Image, ein Label, eine Idee? Ich weiß nicht mehr genau, wann das aufkam. Vielleicht mit Pretty Woman.

ZEIT: War es manchmal auch eine Last? Zum Beispiel als Mitte der neunziger Jahre klar wurde, dass Filme, in denen Sie nicht lächeln, beim Publikum durchfallen?

Roberts: (lächelt übertrieben) Seltsam, nicht wahr?

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

ZEIT: In dem Film Pretty Woman bekamen Sie 1990 als Callgirl von Richard Gere in der Rolle des Edward Lewis 3000 Dollar, damit Sie ihn eine Woche lang begleiten. Zehn Jahre später erhielten Sie als Anwaltsgehilfin in Steven Soderberghs Film Erin Brockovich von Ihrem Film-Arbeitgeber einen Scheck über zwei Millionen Dollar, weil Sie die Umweltsünden eines Konzerns aufgedeckt hatten.

Roberts: Das nennt man wohl Karriere.

ZEIT: Kann man sagen, dass Ihre beiden populärsten Heldinnen Frauen mit dem Herzen am rechten Fleck sind, die uns vorführen, dass ein Mensch keinen Preis oder keinen Marktwert hat?

Roberts: Oder dass sich das Wesentliche mit Geld sowieso nicht bezahlen lässt. In Pretty Woman ist es die Liebe. Und in Erin Brockovich können weder die zwei Millionen Dollar, die Erin bekommt, noch die dreihundert Millionen, die der Umweltsünder bezahlen muss, den Schaden der Opfer ausgleichen. In Hollywood ist das ähnlich. Alles dreht sich ums Geld und dann wieder nicht. Hollywood ist immer dann sehr gut, wenn es auf der Leinwand auf unterschwellige Art auch von sich selbst erzählen kann. Natürlich ist man dort besessen von Marktwerten. Es gibt in den Branchenzeitungen Diagramme, in denen man meine Gagenkurven verfolgen kann. Man darf eben nicht vergessen: Es handelt sich um eine Industrie. Die aber auch in der Lage ist, wunderbare Kunstwerke zu produzieren.

ZEIT: Wenn man sich Ihre Fernsehinterviews in den USA anschaut, dann hat man das Gefühl, dass die Journalisten Ihnen entweder wie Finanzmakler oder wie Therapeuten gegenübertreten.

Roberts: Ich verstehe nicht ganz.

ZEIT: Entweder werden Sie als die Frau vorgestellt, die der amerikanischen Filmindustrie drei Milliarden Dollar eingespielt hat. Oder man befragt Sie direkt nach Ihrem Privatleben.

Roberts: Es gibt keine Differenzierungen, Schattierungen, Nuancen, Zwischenzustände. Warum auch? Es ist einfach zu praktisch. Okay, sie hat Pretty Woman gemacht und ist gut fürs Geschäft. Oder: Sie hat eine Hochzeit abgesagt, also ist sie ein wandelndes Psychowrack. Sosehr viele meiner Kollegen ihr Image kontrollieren wollen: Man muss einfach akzeptieren, dass es letztlich nicht kontrollierbar ist. Oder nur sehr begrenzt.