Am Ende gab es in Rom dann doch Gelächter, obwohl die Lage ernst war. So ernst, dass der Papst den Auftrag zur theologischen Befriedung zunächst vertraulich vergeben hatte. Im Herbst bat er den emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper, eines der peinlichsten Probleme der katholischen Kirche zu lösen: Wie kommen wir aus der moralischen Falle heraus, in die uns unsere eigene Doktrin gebracht hat?

Seit Franziskus einen Fragebogen an die Katholiken der Welt versenden ließ (Wie haltet ihr es mit der Sexualmoral?) und die meisten erklärten, sie nähmen die Regeln nicht so genau, liegt das Problem auf dem Tisch: Was machen wir mit den Katholiken, die unserer Ehetheologie nicht folgen? Was wird aus all denen, die katholisch heiraten wollen, obwohl sie vor der Hochzeit Sex hatten, obwohl sie verhüten, obwohl sie geschieden wurden?

Walter Kasper hielt dazu am vergangenen Donnerstag einen langen gelehrten Vortrag – und erwies sich als der beste Mann für die schier unlösbaren Fragen, indem er das gestrenge Kardinalskollegium zum Lachen brachte. 69 von 150 Kardinälen meldeten sich zu Wort, um auf die Rede zu reagieren und ihre Sicht auf die innerkirchlichen Sündenfälle klarzumachen.

Doch ist der Mensch ein Fall? Im Schlusswort sprach Kasper darüber, dass aus christlicher Sicht jeder Mensch einzigartig und von Gott gewollt sei. Er zitierte das Gleichnis Jesu vom guten Hirten, der 99 treue Schafe zurücklässt, um einem verlorenen nachzugehen und es zurückzutragen. Denn das eine Schaf ist nicht weniger wert als alle anderen. "Doch eigentlich müsste Jesus das Gleichnis heute anders erzählen. Er müsste sagen, der Hirte lässt das eine Schaf zurück, um die 99 verlorenen wiederzufinden."

Da lachten die Kardinäle. Es war wohl auch ein Lachen der Erleichterung – darüber, dass mal einer die Wahrheit laut aussprach, ohne gleich den Untergang der Kirche zu prophezeien. Wenn die Menschen uns nicht mehr folgen, dann müssen wir sie eben zurückholen: Das war die Botschaft des deutschen Professors für Dogmatik, die er nicht nur klug begründete, sondern auch menschenfreundlich vortrug. Sein Ziel: nicht bloß recht behalten, sondern überzeugen. Mehrheiten schaffen für eine Erneuerung der Lehre aus dem Herzen der Kirche.

Für den Papst ist ja nicht nur das unkatholische Verhalten der Katholiken ein Problem. Sondern auch die Uneinigkeit der Kurie, wie darauf zu reagieren sei: streng oder milde. Strafend oder gnädig. Nach dem Gesetz oder nach Maßgabe der Barmherzigkeit. Zuletzt hatten zwei mächtige Deutsche konträre Positionen bezogen: Reinhard Marx, der zu den acht Kardinälen in der Reformkommission des Papstes gehört, hatte angekündigt, dass wiederverheiratete Geschiedene künftig darauf hoffen dürften, an der Kommunion teilzunehmen. Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, hatte dagegen erklärt, dass dies unmöglich sei. Seine Argumente wurden groß im Osservatore Romano veröffentlicht.

Und Kaspers Rede? Man muss sich klarmachen, dass sie schon formal ein Ereignis war. Franziskus hatte sie sich als Beitrag zu seinem ersten Konsistorium gewünscht, der Vollversammlung der Kardinäle. Eigentlich geht es dort traditionsgemäß um die Ernennung neuer Kardinäle, 19 waren es diesmal, darunter der Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und der Generalsekretär der Bischofssynode Lorenzo Baldisseri, beide gehören zur reformbereiten Mannschaft des Papstes. Doch der Höhepunkt war die mehrstündige Rede Kaspers. Keine Revolutionsrede, aber ein Plädoyer für Erneuerung. Er wolle, so der Kardinal einleitend, "das Evangelium von der Familie neu zur Sprache bringen". – Was so friedfertig klingt, genügte für eine offizielle Meldung am Freitag, der Vatikan werde diese Rede nicht veröffentlichen.