In der Ortschaft Altos de la Florida, im Südwesten der Metropole Bogotá gelegen, wächst ein Elendsviertel die Berghänge hinauf. Hier oben ist ein typisches Haus nicht mehr als ein Verschlag aus Wellblech, Mauersteinen und schwarzen Plastikplanen, die fehlende Wände ersetzen; Geröll und Müll bilden den Straßenbelag, Wasserleitungen gibt es nicht. Banden kontrollieren die Zufahrten und erpressen Wegezoll und Schutzgeld von den bettelarmen Bewohnern.

An diesem Ort siedeln sich die desplazados an, vertriebene Familien aus allen Teilen Kolumbiens, die vor der Gewalt von Drogenbanden, Paramilitärs und Rebellentrupps geflüchtet sind. Sie können Zeugnis geben von einer Vergangenheit des Landes: von der Zeit, da Kolumbien ein von brutalen Drogenbossen, linken Rebellen, rechten Paramilitärs und korrupten Beamten beherrschter Dschungelstaat war.

Die alten Zeiten sind noch nicht ganz vorbei, bis heute noch kommen wöchentlich Flüchtlinge an. Aber die Menschen, die es hierhertreibt, haben noch eine andere Geschichte gehört, von der sie hoffen, dass sie ihre Zukunft ist: die Geschichte vom Wirtschaftswunder in ihrem Land. Sie haben gehört, dass man in Boomstädten wie Bogotá inzwischen Arbeit finden könne, und sei es nur als Handlanger auf den Baustellen, als Verkäufer oder Putzhilfe, und eine Schulbildung für die Kinder gebe es auch.

Und das ist mehr als eine vage Hoffnung. Die kolumbianische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, mal um vier, mal um fünf und mal um sieben Prozent. Der Wert der Exporte hat sich seit 2000 mehr als vervierfacht, der Umfang der internationalen Investitionen hat sich mehr als verfünffacht. Es sieht so aus, als schaffte es dieses neue Kolumbien endlich, dem ewigen Kreislauf aus Gewalt und Armut zu entkommen.

Wie kann das sein? Rund um den Globus gelingt es Schwellenländern nicht mehr, an ihre Erfolgsgeschichten anzuknüpfen. Im Nachbarland Venezuela fehlen Milch und Seife in den Läden, und die Menschen rebellieren auf den Straßen, selbst das einstige Wirtschaftswunderland Brasilien strauchelt. Und ausgerechnet Kolumbien widersetzt sich nun dieser Entwicklung und gilt bei Investoren als Shootingstar des Kontinents?

Ein Grund für den kolumbianischen Aufschwung ist sicher, dass das Militär in den 2000er Jahren mithilfe der USA den linken Rebellen in den Wäldern empfindlich zusetzen konnte – Präsident Juan Manuel Santos Calderón führt nun Friedensverhandlungen. Außerdem hat er Unternehmer gefördert, ein gutes Klima für Investoren geschaffen, mit staatlich-privaten Kooperationen die Infrastruktur ausgebaut und für geringe Inflation gesorgt.

Doch diese Reformen aus dem Lehrbuch konservativer Ökonomen, die derzeit offenbar erfolgreicher sind als die der links ausgerichteten Nachbarn, haben eine dunkle Seite: Ein Rezept gegen die tiefe Spaltung des Landes in Arm und Reich, Mächtig und Ohnmächtig ist bisher weit und breit nicht in Sicht.

Am Rande eines bürgerlichen Viertels von Bogotá, in einem Einfamilienhaus mit Superhelden-Postern an den Wänden und vielen Computern auf Schreibtischen, residiert eines der erfolgreichsten Startup-Unternehmen des Landes. Der Programmierer Juan Salcedo und der Kaufmann Andrés Gutiérrez haben die Firma Tappsi vor zwei Jahren gegründet, inzwischen kennt jeder in der Hauptstadt das Unternehmen: Es stellt eine App fürs Smartphone her, mit der man Taxis rufen kann, 700 000 Nutzer haben sich bereits angemeldet. "Das Ziel ist, damit reich zu werden – absolut!", sagt der Betriebswirt Andrés und verschränkt ein wenig großspurig die Hände hinter dem Kopf.

Die Gründer haben Tappsi von Taxi-Ruf-Apps in anderen Ländern abgeschaut, aber mit einem eigenen kolumbianischen Dreh versehen: Weil Taxifahrer in Bogotá gefürchtet dafür sind, ihre Kunden mit gezogener Waffe zu überfallen, teilt die Tappsi-App Freunden und Geschwistern des Nutzers automatisch Kennzeichen, Aufenthaltsort und Name des Fahrers mit. "Früher ist man in ein Taxi gestiegen und hat erst mal seine Mama angerufen", sagt Juan. "So ist es praktischer und zeitgemäßer."

Mit ihrem Angebot gelang dem Unternehmerduo zudem eine Lösung des Problems, dass zwischen 16 und 20 Uhr niemand in Bogotá ein Taxi findet: Der Verkehr ruht um diese Zeit, im prasselnden Nachmittagsregen mag kein Fahrer aufstehen und die Türe öffnen, aber mit der Tappsi-App kann man im Voraus großzügige Trinkgelder versprechen. Ein Motivationsschub für die Fahrer, doch zu kommen.

Weil Taxifahrer hier in der Regel kein Smartphone haben, brauchte Tappsi viel Startkapital, um ihnen Geräte für einen Test auszuleihen – bis sie merken, dass sie mit der Computerhilfe Geld verdienen können. Das erste Startkapital kam von den Familien der Gründer – die beiden stammen, wie eigentlich alle einflussreichen Persönlichkeiten in Kolumbien, aus besseren Verhältnissen. Für den zweiten Kapitalschub sorgte die Regierung des Präsidenten Santos, die Startup-Unternehmer seit einem Jahr großzügig fördert. "Das war eine riesige Hilfe", sagt Salcedo, "denn Venture-Kapital oder Kredite von den Banken bekommt man hier so gut wie nie."