Reeperbahn. Neben der S-Bahn-Station, wo die Hunde - Punks ihre Schlafsäcke ausgelegt haben, laufen zwei Herren mit Wattejacken an der Magic-Moments-Bar vorbei. Die Türsteherin, die einen ulkigen roten Clownshut trägt, spricht: "Reinspaziert, fünf Euro Kaltgetränk und ’ne geile Muschi parat." Ja, es ist nicht so lustig. Wir Reeperbahn-Spaziergänger müssen den Talk der Sexarbeiterinnen morgens um halb zehn in Deutschland erst einmal wegstecken.

Es ist Jahr eins nach der großen, von Alice Schwarzer angestoßenen Prostitutionsdebatte: Gibt es noch irgendeinen Standpunkt, der nicht von jeder todeshippen postfeministischen Bloggerin und deren konservativem Widerpart vertreten wurde? Fazit, ganz grob: Die Prostitution zu verbieten ist ein Quatsch. Der Widerspruch, dass ein Verbot der Prostituierten vorschreibt, was sie unter ihrer Würde, Freiheit, Selbstbestimmung zu verstehen hat, ist nicht aufzulösen. Bleibt in dieser lauten und aufgeregten Diskussion noch ein sinnvoller Satz zu schreiben? Wie lässt sich das vermeiden, was selbstredend das Allerscheußlichste ist, nämlich Puffromantik oder eine schöne Abenteuergeschichte aus dem Rotlichtmilieu? Kann mal jemand in einem Puff vorbeigucken und nachzeichnen, was da morgens um halb zehn so los ist?

Ein sogenanntes Laufhaus zwischen Talstraße und Großer Freiheit: ein gekachelter Fünfziger-Jahre-Bau. Die Fenster sind von roten Leuchtbändern eingefasst. Ein großes Herz mit dem Konterfei einer blonden, Marilyn-Monroe-artigen Frau. Ein Kind würde beim Anblick dieses Hauses fragen: Papa, ist das ein Puff?

Eine Glastür zum Aufstoßen. Kein Türsteher, kein Eintritt. Keine Fotos, keine Videoaufzeichnungen, Frauen sowie Jugendlichen unter 18 ist der Eintritt untersagt. Noch ein schönes Verbot: "Das Mitführen von Glasbehältnissen ist verboten. Die Polizei Hamburg". Da ist sonst kein Mensch, was das Eintreten erleichtert.

Jetzt muss man da aber auch wirklich reingehen. Hip-Hop-Musik in Diskothekenlautstärke. Man steht in einer Art Vorhof. Rote Treppengeländer, rote Gitter, von roten Leuchtbändern eingefasste Spiegel. Alles rot. Schwarzlichtröhren. Auf den mit roter Ölfarbe gestrichenen Wänden erscheinen die Wandgemälde wilder Frauen mit Teufelshörnern, Teufelsschwänzen und riesigen, aufgeblähten Brüsten. Die nächste geschriebene Information lautet: "80 internationale Girls erwarten Sie auf vier Etagen." Der Blick geht auf eine Tür mit "Security"-Aufschrift. Rechts am Treppengeländer, vor dem Zimmer mit der Nummer 001, steht ein Barhocker. Darauf, gefaltet, ein weißes Handtuch. Scham-Flash, ein heftiger. Es wäre die erste Lüge, zu behaupten, dass so ein Schritt in ein Bordell hinein nicht eine kickende, eine flashende Sache ist: Der Körper ist warm, der Körper will reagieren. Ein weißer Pfeil zeigt nach oben: "Rundgang". Die Logik eines Laufhauses liegt darin, dass der Kunde weitergeht, bloß nicht stehen bleibt, die Frauen im Vorbeigehen sichtet und vergleicht und aus der zügigen Bewegung heraus eine Kaufentscheidung trifft: hammerhartes Business.

Ist halb zehn morgens für einen Puff vielleicht noch ein bisschen früh? Wer kommt zu der Tageszeit in ein Laufhaus, sind das die Raver oder doch eher Angestellte, die erst um zehn im Büro sein müssen? Blick die Gänge hinunter: leere Barhocker vor den Zimmertüren, null Frauen zu sehen. Da steht ein Putzwagen. Riecht es hier nach irgendwas? Es riecht, bitte merken, nicht nach billigem, sondern nach gutem Parfum. Die ziemlich gut aussehenden Spiegel-Buchstaben "GIRLS". Es gibt einen Süßigkeitenautomaten. Weil kein Mensch da ist, klingt die Popmusik noch lauter. Die Pussycat Dolls singen: Don’t cha wish your girlfriend was hot like me / Don’t cha wish your girlfriend was a freak like me (nächster Scham-Flash, weil dieses Stück billiger Pop hier so dumm gut hinpasst). Der Reporter sieht jetzt, dass es hier ein bisschen wie in einem Puff nach 20.15 Uhr im Ersten Deutschen Fernsehen aussieht. Eine Feuilletonisten-Frage bei Rotlicht: Baut der Tatort das Laufhaus oder das Laufhaus den Tatort nach, damit der deutsche Fernsehzuschauer sich hier wohlfühlt? Da steht, nächster Schreckmoment, das Geschäftsmodell dieses Bordells an der Wand: "Bier 1 Euro / zu den Girls". Da müssen die Bordellbetreiber eiskalt gerechnet haben: Der Puffbesucher soll über den Bierpreis dazu verleitet werden, für Sex Geld auszugeben. So läuft das mit Männern und Frauen.