Man merkt der Lichtentaler Allee in Baden-Baden, dieser langen Kurpromenade, gleich an, dass sie als mondäner Ort gedacht ist. Einmal war sie es ja auch, ist es ein oder zwei Jahrhunderte her? Jetzt, in unverbrüchlicher bundesrepublikanischer Zufriedenheit, schlafen am Flüsschen Oos die Enten. Die Schneeglöckchen blühen, und eine Reihe durchgestrichener Piktogramme erinnert daran, dass hier alles untersagt ist außer gemessenem Wandeln. So was tut ja auch keiner mehr, und außerdem regnet es. Eine Grundschulklasse sammelt sich vor einem Museumsbau von unprätentiöser, weißer Modernität. Dann müssen die Kinder die Regeln aufsagen, wie man sich drinnen zu benehmen habe.

Innen aber wandelt doch jemand: der Museumsstifter und Sammler Frieder Burda. Er schreitet die Rampen abwärts, die frei schwebend die Etagen verbinden und ebenfalls für maßvolles Gehen geschaffen scheinen. Ein Markenzeichen des Architekten Richard Meier. Auf allen Etagen senken die Wärter die Köpfe: "Guten Morgen, Herr Burda!" Auch das ein Bild, wie aus einer Erinnerung: Das betagte Oberhaupt eines Familienunternehmens, nach seinem Lebenswerk sehend, grüßt respektvoll jeden Mitarbeiter. Zufrieden schaut er, wie die Kinder jetzt in Grüppchen sein Museum betreten. Dieses Jahr wird das zehnjährige Jubiläum des Hauses gefeiert. Das Grundstück, auf dem das Museum steht, gehört dem Land Baden-Württemberg, das es Burda in Erbpacht überließ. Dass er die Kosten für den Bau und vor allem auch dessen Unterhalt allein aufbrachte, verschafft ihm noch heute viel Respekt. Das unterscheidet ihn von Sammlerkollegen, die zwar ihre Sammlungen und Museen der Öffentlichkeit schenken, diese dann aber in Zukunft dafür aufkommen muss. Burdas Wunsch ist es, dass die Menschen in großer Zahl ins Haus kommen, damit an seiner Kunst Genuss gefunden wird. "Der Auftrag ist, den Leuten eine Freude zu machen, indem man ihnen schöne Bilder zeigt", sagt Burda.

Begonnen hatte er mit dem Sammeln von Kunst vor mehr als vier Jahrzehnten, um sich von seiner Familie zu emanzipieren. Er habe nicht nur Sohn sein wollen, sagt Frieder Burda und erzählt bei der Gelegenheit eine Anekdote von seinem Vater, dem Druckerei-Unternehmer und Verleger Franz Burda. Dieser sei oft gefragt worden, ob er einen Bildungsauftrag habe. "Nein", sagt Frieder Burda, "mein Vater hatte nur den Auftrag, Umsatz zu machen mit dem Verlag. Wir haben eine freie Presse, und jeder kann kaufen, was er will. Mein Vater gründete die Freizeit Revue, die am Schluss eine Auflage von zwei Millionen hatte, das war sein Erfolg. Aber wer liest die Freizeit Revue? Der Bildungsbürger nicht."

Mit seinem ersten Kunstkauf wollte Burda noch den Vater schockieren

Ein klarer Unternehmersinn treibt auch den Sammler Frieder Burda. Gepaart mit äußerster Bewunderung für die "gute Kunst", wie er oft sagt. Während man mit ihm in seinem Museum durch die Ausstellung des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch geht, scheint damit die schwierige Machart, das Handwerk gemeint zu sein. Und dann wiederum geht es um die Tiefe des Eindrucks, den ein Bild auf Frieder Burda hinterlässt. Wobei er betont, dass er das letztlich nicht zu erklären vermöge: "Ich spreche nur von mir, ich bin ja kein Kunstkritiker, ich bin Seiteneinsteiger und komme tief aus der Malerei, mit der ich in meinem Elternhaus groß geworden bin, jener der deutschen Expressionisten."

Mit seiner ersten Erwerbung hatte Frieder Burda allerdings geplant, den Vater zu schockieren. Das war ein Lucio Fontana, eine alarmrote Leinwand, in der drei Schnitte klaffen. Man sieht es heute nicht im Museum, es hängt in Burdas Wohnzimmer. Aber er erzählt doch sofort bereitwillig die Geschichte, die in keinem Bericht über seine Sammlung fehlen darf. Es begann damit, dass er den Fontana 1968 auf der vierten Documenta hängen sah und sofort von ihm angezogen war. Als er das Bild erwarb und zum Vater trug, war er auf ein Donnerwetter gefasst. Interessant, habe der gefunden, so etwas würde er zwar nicht kaufen, aber es berühre ihn.

Warnung vor Kunstspekulation

Einige Jahre später war Frieder Burda schlecht beraten, als er dem noch eher unbekannten Gerhard Richter antrug, die Druckereien der Familie in Offenburg zu malen. Der Künstler lehnte die Auftragsarbeit ab, man möge sich an den Kunsthandel wenden. Das war aber nicht das Ende des Gesprächs, Burda und Richter sind noch heute befreundet. Wenig später konnte Burda ein Konvolut von Richter-Bildern kaufen, darunter zum Beispiel eine der ikonischen Kerzen. An den Preis will er sich nicht mehr erinnern. Als junger Hobbyflieger habe er einmal eine Flugzeugfabrik besucht, in der auf einem Banner stand: "Quality remains long after the price is forgotten". "Qualität überlebt ihren Preis" sei sein Leitspruch geworden. Die Preise, die heute bei Auktionen zum Beispiel für Richter-Bilder bezahlt würden, stünden indes außer jedem Verhältnis, meint Burda. Jüngere Künstler würden über die weltweiten Nachrichtenströme zu schnell bekannt, sensationelle Preise sofort publik. Mit Kunst zu spekulieren, davor warne er, weil das Gros aller Künstler nie teurer werde.

Burda selbst hat seine Bilder nach persönlicher Faszination gewählt, und die Richter-Arbeiten waren der Grundstein seiner Sammlung heute kanonischer Malergrößen seiner Generation, darunter Sigmar Polke, Georg Baselitz, Künstler, die er persönlich kennenlernte. Das sei wichtig, um ihr Werk zu verstehen, aber manchmal seien Freundschaften mit Künstlern schwierig, sagt Burda, man lebe doch auch in verschiedenen Welten. Und nie habe er versucht, einem Maler dreinzureden, wie er zu arbeiten oder sich zu präsentieren habe.

Die Bilder dieses Teils der Sammlung teilen mit den später Erworbenen, Neo Rauch unter vielen anderen, etwas tiefschürfend Zeitgeschichtliches, bestimmt Deutsches. Expressiv ist alles, was Burda gefällt, besonders farbig. Auch amerikanische abstrakte Expressionisten hat er zu den deutschen seines Vaters gefügt, Rothko, de Kooning, Pollock. Kritische, neue Medien sind nicht unbedingt seine Sache. Was Burda sammelt, gefällt meist auch den kunstinteressierten Massen. Auf Empfehlung von Werner Spies kaufte er eine Reihe später Picassos, während er darüber nachdachte, in dessen Sterbeort Mougins oberhalb von Cannes ein Museum für die eigene Sammlung zu bauen. Das Museum ist dann doch in der Stadt entstanden, in der er aufgewachsen ist, Baden-Baden. Zunächst gegen den Widerstand der Bürger, die den Eingriff in die kostbare Lichtentaler Allee fürchteten.

Burda hat sein Erbe in eine Stiftung eingebracht, die es erhalten soll. Auch weil den Wert von Kunst heute jeder kenne, sagt er. "Dann kommen die Behörden mit den Katalogen und sagen: Der Richter für 20 Millionen, Sie haben zehn, und darauf müssen Sie Erbschaftsteuer zahlen. Das lässt sich gar nicht machen." Doch wird familiäre Kontinuität gewahrt. Seine Stieftochter Patricia Kamp kuratierte schon öfter Ausstellungen des Museums. Gerade richtet sie eine des französischen Street-Artisten JR ein. Und obwohl das Konzeptionelle der Street-Art vielleicht nicht genau Burdas Geschmack trifft, geht das Thema der Schau auf seine Liebe zu Frankreich ein. Auf die Erinnerung des 1936 Geborenen an den Einfluss der französischen Besatzer in Baden nach dem Zweiten Weltkrieg, die, sagt Burda, "uns die Kultur wieder näher brachten".

In Stadtarchiven und bei Privatleuten hat man nach Fotos gesucht, die für die deutsch-französische Annäherung der Nachkriegszeit stehen, und wird sie in der Stadt an Mauern und Hauswänden plakatieren. An den engen Treppen, die zum Schloss hinaufführen, sieht man dann zum Beispiel in Lebensgröße und Schwarz-Weiß die französischen Soldaten, die genau über diese Hügel 1945 in die Stadt kamen. Als würden die Geister einer in dieser Stadt besonders spürbar schwelenden Vergangenheit plötzlich offenkundig. Die Idee, die schon an Orten in der ganzen Welt zu sehen war, erschließt sich genau hier merkwürdig unmittelbar. "Wir sind ein bisschen verschrien, gute Kunst zu zeigen, aber nicht unbedingt avantgardistisch-zeitgenössische, und jetzt kommt so was", sagt Frieder Burda und lacht das Lachen des Zufriedenen. Aber ob man Street-Art sammeln kann? Burda sagt: "Ich sicher nicht mehr."