Jetzt ist also Matteo Renzi in Italien an der Macht. Er setzt auf volles Risiko. Wenn dieser selbst ernannte Erneuerer scheitert, muss man sich wirklich fragen, welcher italienische Politiker es überhaupt schaffen kann!

Man kann von ihm halten, was man will, aber Renzi ist nun Ministerpräsident und verspricht die radikalen Wirtschafts- und Sozialreformen, die Italien so dringend benötigt. Seit 2007 leidet die Wirtschaft des Landes unter Rezession und Stagnation, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seitdem um acht Prozentpunkte geschrumpft. Italien ist in Not: Fast 42 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos, im Süden sind es noch mehr, Tendenz steigend. Nahezu ein Drittel der Italiener lebt an der Armutsgrenze. Der Mittelstand bekommt von den Banken kein Geld mehr, und die Staatsverschuldung ist mit 133 Prozent vom BIP weiterhin zu hoch.

Die politische Klasse Italiens ist größtenteils diskreditiert, die meisten Bürger haben ihr Vertrauen in die Politiker verloren. Und die Bewahrer des Status quo, die linken wie die rechten, kämpfen mit Zähnen und Klauen.

Italiens alte Garde ist nicht glücklich über den Auftritt von Matteo Renzi. Da kommt ein 39-jähriger Emporkömmling aus Florenz daher und sagt ihnen, die Zeit sei reif für Veränderungen, was soll das?! Einige würden Renzi gerne scheitern sehen. Doch der Wandel muss gelingen, für Renzis Karriere, für den Erfolg Italiens und auch für Europa – wir reden hier schließlich über die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone.

Als Erstes muss der neue Ministerpräsident die Staatsschulden abbauen und den Arbeitsmarkt reformieren. Die Arbeitskosten müssen deutlich sinken, Firmen müssen leichter Mitarbeiter einstellen und entlassen können. Auch den aufgeblähten Verwaltungsapparat sollte sich Renzi vorknöpfen, was keine leichte Aufgabe ist. Er muss zudem das Rentensystem weiter überarbeiten, insbesondere dort, wo Renten nicht durch Beiträge gedeckt sind. Außerdem sollte Renzi mit Steueranreizen für mehr private Rentenfonds sorgen. Insbesondere müssten die Einkommensteuer und die Unternehmensbesteuerung gesenkt werden.

Ich rede nicht davon, die Armen und Benachteiligten zugunsten einer ungebremsten freien Marktwirtschaft aufzugeben oder eine rechte Politik im Stile Margaret Thatchers einzuführen. Darum geht es nicht: In den Gesprächen und Interviews, die ich mit Renzi geführt habe, machte er den Eindruck, als wolle er die positiven Aspekte der Politik von Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder übernehmen.

Der Mitte-links-Politiker Renzi begreift offenbar, was die moderne Gesellschaft benötigt: Benachteiligte müssen geschützt werden, die soziale Gerechtigkeit muss gewahrt werden. Gleichzeitig muss er für mehr Wettbewerb, freiere Märkte und mehr Leistungsbereitschaft sorgen.