Der Saal der bayerischen Katholischen Akademie in München war brechend voll, als dort am vorigen Samstag über das Thema NS-Raubkunst debattiert wurde, nicht weit entfernt von der Wohnung Cornelius Gurlitts. Um den ging es letztlich. Zuerst sprach Michael Wolffsohn, Professor an der Universität der Bundeswehr München, über das tragische Schicksal seiner jüdischen Familie, über Recht und Gerechtigkeit, angefangen bei Kain und Abel über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Holocaust und zum Auschwitzprozess. Das Ergebnis: "Rechtsakrobatik ergibt kein Recht. Das gilt auch für den Fall Gurlitt." Seine Forderung: Versöhnung, die dadurch stattfinden soll, dass die heute im Wohlstand lebenden Nachfahren auf das den Juden Geraubte verzichten.

Darauf folgten Beiträge von kenntnisreichen Kunsthistorikern. Sie beschrieben die bei ihnen neu entstandene Provenienzforschung, die untersucht, welchen Weg Kunstwerke genommen haben, die im "Dritten Reich" von Juden zunächst "freiwillig" verkauft und schließlich nach deren Deportation beschlagnahmt wurden, und was aus öffentlichen Museen als "entartete Kunst" entfernt und über Händler ins Ausland verkauft worden ist, darunter viele Leihgaben von jüdischen Eigentümern. Diese Forschung wird jetzt durch den Fall Gurlitt mehr Aufmerksamkeit finden und stärkere staatliche Förderung erfahren.

Schließlich die Ausführungen eines hochrangigen Beamten, Walter Schön, Ministerialdirektor im bayerischen Justizministerium: "NS-Unrecht – Restitution im Rechtsstaat". Er beschrieb die Schwierigkeit, vor der die Rechtspolitik steht, die heute noch das alle Maße und Vorstellungskraft übersteigende Unrecht ausgleichen will, das vor allem jüdischen Bürgern in der NS-Zeit geschehen ist. Das sei nicht einfach. Jetzt haben nämlich auch bayerische Ämter erkannt, dass es in der Nachkriegszeit alliierte Restitutionsgesetze gab, die zahlreiche Rückgabeansprüche gewährten. "Ihr Defizit", räumte Walter Schön ein, "lag aber in einem für die Opfer entscheidenden Punkt: Sie galten alle nur für eine sehr knapp bemessbare Frist, die meines Erachtens zu knapp bemessen war." Schön verwies auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 2012, das zu dem Ergebnis kommt, trotz versäumter Ausschlussfristen seien Herausgabeansprüche nach dem dafür völlig unzureichenden BGB noch immer möglich. Vorher hatte eine vom Bundeskanzleramt eingesetzte Kommission unter der früheren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach das für nicht möglich erklärt. Das stört aber nicht weiter. Denn Bayern will den peinlichen Fall Gurlitt nach dem Vorbild dieses Urteils lösen, wenn es "naheliegende Anhaltspunkte" dafür gibt, dass jemand beim Rechtserwerb bösgläubig war. Dies könne man Cornelius Gurlitt "vielleicht schon nachweisen", schloss Walter Schön.

Der Höhepunkt der Tagung war der Auftritt von Frau Berggreen-Merkel, der Vorsitzenden der von Bayern und dem Bund eingesetzten "Taskforce" im Fall Gurlitt. Auf die Frage nach der juristischen Legitimation dieser Arbeitsgruppe kam die Antwort, deren Angehörige seien Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung von Steuerstraftaten und müssten dafür die Herkunft aller beschlagnahmten 1280 Bilder prüfen. Dabei schien ihr gleichgültig, dass diese möglichen Steuervergehen höchstwahrscheinlich alle schon verjährt sind. Ihr Schlusswort: Wenn Herr Gurlitt die wichtigsten Bilder freiwillig herausgibt, sei der Fall erledigt. Anders ausgedrückt: Wenn das Opfer der Justiz den ihm zugefügten Schaden selbst beseitigt, ist alles in Ordnung.

Ein Schweizer Kunsthändler, Johannes Nathan, hatte vorher schon die richtige Frage gestellt: "Soll das nun immer so weitergehen, oder können wir endlich in Ruhe arbeiten?"