Der Nürburgring ist eine typische Autorennstrecke. Sie führt durch Kurven, Bögen und Schikanen und endet wieder an der Stelle, an der sie begonnen hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Strafprozess vor dem Landgericht Koblenz, wo seit Herbst 2012 ermittelt wird, wer das Finanzdesaster um den Ausbau der Rennstrecke zu verantworten hat: 59 Prozesstage verwendeten die Richter darauf, an die hundert Zeugen und Sachverständige zu befragen sowie Dutzende Einlassungen und Erwiderungen zu Protokoll zu nehmen. Nun sind sie, obwohl im April das Urteil ansteht, kaum weiter als zu Beginn.

Nichts wurde zurückgenommen oder eingestanden. Von keiner Seite. Die Staatsanwaltschaft hält an jedem Vorwurf fest. Und der Hauptangeklagte Ingolf Deubel beteuert nach wie vor seine Unschuld. Dem früheren rheinland-pfälzischen Finanzminister (SPD) wird vorgeworfen, er habe es als Aufsichtsratschef der landeseigenen Nürburgring GmbH zu verantworten, dass während des Ausbaus eine sechsstellige Summe Steuergeld fehlinvestiert wurde. Politisch war Deubel bald darauf erledigt. Juristisch kämpft er bis heute. Denn für die Staatsanwaltschaft hat Deubel damals eine Straftat begangen: Untreue.

Der vergangene Montag ist ein ungewöhnlich warmer Februartag, die Sonne scheint in den Saal 102 des Landgerichts, als Deubel ansetzt. Zum Abschluss der Beweisaufnahme hat er das letzte Wort. Vor anderthalb Jahren begann der Prozess mit einer Stellungnahme Deubels, die 240 Seiten umfasste und deren Verlesung zwölf Stunden dauerte. Im voll besetzten Saal erklärte Deubel detailliert, warum jeder einzelne Anklagepunkt gegen ihn falsch sei. Diesmal sind es nur 30 Seiten, und die Zuschauerplätze sind fast leer, gerade mal acht Journalisten sind gekommen. Deubels Botschaft aber ist dieselbe geblieben.

Sein Vortrag beginnt wie ein Bewerbungsgespräch, der Mann mit der hohen Stirn und der fisteligen Stimme erzählt von seinem beruflichen Werdegang. Als er an der Universität Münster im Bereich Finanzwissenschaften promovierte, bei der Westdeutschen Landesbank arbeitete, dann Oberstadtdirektor von Solingen wurde und Finanzminister in Rheinland-Pfalz. "Das klingt wie sein eigener Nachruf", murmelt eine Gerichtsreporterin. Dann schließt sie die Augen, etwas später kippt ihr Kopf verdächtig nach vorn.

Der Prozessverlauf war in der Tat an vielen Stellen ermüdend: So spektakulär das Nürburgring-Projekt scheiterte, so unspektakulär ist dessen juristische Aufarbeitung. Da wird schon mal um vermeintliche Petitessen gestritten, wie um die Frage, was in einem Telefonat in der Länge von 1 Minute und 17 Sekunden besprochen werden kann, oder auf welchem der in einem Schweizer Hotel vorhandenen Drucker ein Vertrag ausgedruckt wurde. Aber Gerichtsprozesse sind ja auch keine Unterhaltungssendung, schon gar nicht bei Wirtschaftsdelikten. Da kommt es darauf an, ob sich Zeugen heute an den Wortlaut dessen erinnern, was sie vor sieben Jahren einem Unbekannten am Telefon sagten. Doch wer erinnert sich richtig? Wer glaubt bloß, sich zu erinnern? Und wer lügt gar, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken?

Insofern passen Deubels kleinteilige Ausführungen bestens zum Prozessmodus, ebenso wie die Auflistung der Aufgaben eines Finanzministers. Deubel zeichnet von sich das Bild eines in Verwaltung und Finanzen erfahrenen Mannes. Tatsächlich genießt er bis heute hohes Ansehen für seine Expertise. So beauftragte ihn etwa die Landesregierung von Sachsen-Anhalt trotz des Fiaskos am Ring mit einem Gutachten darüber, wie das Land die Schuldenbremse bis 2020 einhalten kann. Warum also ist er am Nürburgring gescheitert? Er sei kein "Problemverwalter", sondern "ein Problemlöser", sagt Deubel im Schlusswort. "Selbstverständlich war mir dabei immer bewusst, dass Problemlöser ein höheres politisches und persönliches Risiko eingehen."

Hinter diesen Worten steht nicht nur Deubels persönliches Politikverständnis, sondern die grundsätzliche Frage der politischen Praxis bei öffentlichen Infrastrukturprojekten: Wenn bald womöglich jede Fehlinvestition strafbar ist, wer geht dann noch unternehmerische Risiken ein?

Die Tage vor Gericht haben die Absurditäten moderner Großvorhaben entlarvt. Um die Rennstrecke auszubauen, favorisierten mehrere Experten ernsthaft eine Finanzierung, bei der Rentnern und kranken Menschen ihre Lebensversicherungspolicen abgekauft werden. Die Käufer zahlen dabei die Beiträge weiter und kassieren nach dem Tod die Versicherungssumme. Je schneller die ursprünglichen Inhaber sterben, desto höher die Gewinne. Heutzutage muss offenbar auf den Tod von Menschen spekulieren, wer Bauarbeiter bezahlen will.