DIE ZEIT: Mehr Deutsche als je zuvor werden in diesem Jahr fünfzig Jahre alt. Müssen sie sich Sorgen machen?

Pasqualina Perrig-Chiello: Sorgen brauchen sie sich nicht zu machen. Aber sie sollten für sich Sorge tragen. Das mittlere Alter ist für viele Menschen eine extrem herausfordernde Zeit. Die Kinder nabeln sich ab, die eigenen Eltern werden gebrechlich und sterben, die Beziehung droht im Alltagstrott abzustumpfen. Und dann kommt die Frage: Was mache ich mit dem Rest meines Lebens? Im mittleren Alter müssen wir unsere Identität neu justieren. Das ist ein bisschen wie in der Pubertät.

ZEIT: Früher sagte man Midlife-Crisis.

Perrig-Chiello: Die Midlife-Crisis gibt es so nicht – zumindest nicht als biologische Passage, die jeder zwischen vierzig und sechzig durchlaufen muss. Psychische Krisen sind immer individuell. Sie hängen von der Persönlichkeit und von den Lebensumständen ab. Dennoch steigt die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, in der Lebensmitte an. Und zwar nicht nur in Deutschland. In rund achtzig Ländern haben Forscher die Daten zur Lebenszufriedenheit miteinander verglichen. Die Resultate ergaben das Bild einer U-Kurve: Ihren Tiefpunkt erreicht die Stimmung bei vielen in den Jahren zwischen 45 und 50. Anscheinend machen die Lebensumstände das mittlere Alter zu einer krisenanfälligen Zeit.

ZEIT: Was sind das für Umstände?

Perrig-Chiello: Man könnte von einem biografischen Multitasking sprechen. In keiner anderen Lebensphase trägt man so viel Verantwortung für andere wie in jenen Jahren. Man muss für die eigenen Kinder sorgen und sich gleichzeitig um die Eltern kümmern. Zugleich fordert einen der Beruf, weil viele in einer gehobenen Position sitzen. Man muss also in unterschiedlichen Rollen funktionieren. Das erzeugt Stress, mitunter Angst vor Kontrollverlust.

ZEIT: Dabei ist man im mittleren Alter doch eigentlich mehr als jemals zuvor Herr seines Lebens.

Perrig-Chiello: Viele fühlen sich aber fremdgesteuert. Wir haben Menschen in dem Alter Zeitdiagramme erstellen lassen: Einmal sollten sie aufschreiben, wie viel Zeit sie für eine Aufgabe investieren möchten. Dann, wie viele Stunden sie pro Woche tatsächlich für diese Sache aufwenden. Die Diskrepanz war enorm. Männer wie Frauen meinten, zu viel für andere da zu sein und zu wenig Zeit für sich oder den Partner zu haben. Sie hatten das Gefühl, gelebt zu werden.

Frauen rotieren im Haushalt und Männer leiden an der Schaffenskrise

ZEIT: Gilt das für Männer wie für Frauen?

Perrig-Chiello: Das Am-Limit-Sein ist ein Kennzeichen der Lebensmitte für beide Geschlechter. Frauen meinten jedoch, zu viel in ihre Familie zu investieren, und wollten sich stärker ihrem Beruf widmen. Doch gerade wenn die Kinder aus dem Haus sind, fällt wiederum ihnen oft die Aufgabe zu, sich um die kränkelnden Eltern zu kümmern.

ZEIT: Ganz die alte Rollenverteilung also?

Perrig-Chiello: Nein, aber viele Frauen dieser Generation stehen im Spannungsfeld zwischen den traditionellen Werten ihrer Mütter und den Lebensansprüchen ihrer Töchter. Sie spüren eine hohe moralische Verpflichtung, für die Familie da zu sein, fragen aber gleichzeitig, wo das Recht auf ihr eigenes Leben bleibt – beruflich wie persönlich. Öfter hört man von diesen Frauen den Spruch: Ich möchte nicht mehr müssen müssen.

ZEIT: Und die Männer?

Perrig-Chiello: Sie sind beruflich stark eingespannt und wünschen sich mehr Zeit für ihre Familie. Gleichzeitig setzt bei vielen von ihnen ein Ermüdungseffekt ein. Sie haben mehr als zwanzig Arbeitsjahre hinter sich, und fast dieselbe Zeit steht ihnen noch bevor. Da fragt sich mancher, ob er das noch schafft oder schaffen will. Deshalb ist die Lebensmitte für viele Menschen ein guter Zeitpunkt, um zu überlegen, ob sie weiterleben wollen wie bisher oder die Chance ergreifen wollen, etwas Neues zu beginnen. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat einmal gesagt, man könne die zweite Lebenshälfte nicht nach dem Muster der ersten leben.

ZEIT: Das ist leicht gesagt. Ein junger Vater trifft heute auf Sympathie, wenn er nach der Geburt seines Kindes eine Auszeit beantragt. Ein Mittvierziger, der sagt, er möchte nur vier Tage die Woche arbeiten, weil er mehr Zeit für sich braucht, kann kaum auf das gleiche Verständnis hoffen.

Perrig-Chiello: Das stimmt. Die Erwartung heißt heute in jedem Lebensalter: "Mach etwas aus deinem Leben." Dieser Anspruch steht jedoch im Gegensatz zu den tatsächlichen Möglichkeiten. Man kann eben nicht einfach ausbrechen. Aber wenn die Lebensvorstellungen und die Realität zu weit auseinanderklaffen, kann es zu einer Krise kommen. Wobei es meist einen Anlass braucht.