ZEITmagazin: Herr Thiele, Sie waren 20 Jahre lang Abgeordneter der FDP im Bundestag. Seit 2010 sind Sie im Vorstand der Bundesbank. Mit Ihrer Frau Petra haben Sie fünf Kinder. Wie bewältigen Sie den Spagat?

Carl-Ludwig Thiele: Das ist schwierig. Als ich neu im Bundestag war und wir in die erste Sommerpause gingen, war ich zehn Abende nacheinander nicht zu Hause. Da habe ich von meiner Frau schwer Ärger gekriegt. Jeder, der Zugriff auf meinen Terminkalender hatte, konnte politische Termine besetzen. Ich habe erst mühsam lernen müssen, dass man sich auch Privattermine eintragen kann, und das habe ich immer den neuen Abgeordneten empfohlen: Wenn ihr nicht sofort damit anfangt, könnt ihr in der Mühle untergehen! Kommt dann noch etwas obendrauf, ist es sehr schwierig, alles in Einklang zu bringen.

ZEITmagazin: Sie mussten also lernen, Prioritäten zu setzen?

Thiele: Ja, natürlich. Solche Situationen gab es häufig. In einer wichtigen politischen Frage zum Beispiel hatte ich den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl um ein Gespräch gebeten, und als ich endlich den Termin bekam und meiner Frau davon erzählte, sagte sie empört: Das geht nicht, das ist unser Hochzeitstag. Wer ist dir eigentlich wichtiger, der Bundeskanzler oder ich? Dann habe ich Juliane Weber angerufen, die Sekretärin von Helmut Kohl, und ihr meine Lage geschildert. Sie hatte Verständnis für meine Situation und stellte mich zum Bundeskanzler durch. Wir haben die Angelegenheit dann am Telefon besprochen. In der nächsten Sitzungswoche habe ich Frau Weber einen schönen Blumenstrauß besorgt. Mit ihrer Hilfe hatte ich den Spagat geschafft.

ZEITmagazin: Was hat Sie an der Arbeit eines Bundesbank-Vorstands interessiert?

Thiele: Mich hat es immer gereizt, Dinge zu bewegen. Und als ich gefragt wurde, im Vorstand der Bundesbank zu arbeiten, habe ich zugesagt, weil ich in dieser Funktion weiter Stabilitätspolitik betreiben kann. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass ich erstmals an den Wochenenden oft für die Familie frei habe. Das Politikerleben ist spannend, aber im persönlichen Bereich häufig mit Entbehrungen verbunden. Zwar ist mein Terminkalender als Vorstandsmitglied in der Woche mehr als prall gefüllt, doch es ist eine gewisse Regelmäßigkeit in unser Familienleben eingekehrt, auch wenn ich wochentags in Frankfurt bin und meine Familie in Osnabrück ist. Wenn ich früher als Parlamentarier während der Sitzungswochen längere Zeit nicht zu Hause war, mussten wir uns manchmal erst wieder aneinander gewöhnen. Ich habe mich immer sehr darauf gefreut, meine Familie zu sehen. Aber manchmal hatte ich nur zwei bis drei Stunden Zeit, um dann wieder zum nächsten Termin zu fahren. Das war meiner Frau zu kurz. Wir haben deshalb verabredet, dass ich gar nicht erst nach Hause komme, um es den Kindern nicht schwerer zu machen. Das war eine richtige Entscheidung, aber die hat mir häufig sehr wehgetan. Aber eine Familie lebt nun mal nicht nach dem Terminkalender eines Politikers oder Vorstands.