Eine Baggerschaufel sticht in die schuttgraue Mondlandschaft. Unter einer Staubwolke tauchen durchgerostete Fässer auf. Niemand weiß genau, was darin ist. Sie könnten explodieren. Doch die Chemiker im bombensicheren Raupenfahrzeug geben Entwarnung und weisen den Baggerführer an: "Weitergraben!"

Die apokalyptische Szene spielt in einer riesigen luftdichten Halle im Kanton Aargau: auf der Sondermülldeponie Kölliken. Hier entsorgte die halbe Schweiz bis in die achtziger Jahre für wenig Geld ihren Giftabfall. Insgesamt 630.000 Tonnen. Heute bezahlt sie teuer dafür: Eine Milliarde Franken kostet die weltweit einzigartige Deponiesanierung.

Wie aber konnte es zu diesem Umweltdesaster kommen?

Eigentlich war alles ganz anders gedacht. Am 19. März 1976 bewilligte der Kanton Aargau in Kölliken eine Sondermülldeponie. Sie galt als landesweites Pionierprojekt. Von einer "Stunde null in der modernen Sonderabfallverwertung" sprach Erwin Märki, Chef des Aargauischen Gewässerschutzamtes. Bisher waren giftige Abfälle nämlich unkontrolliert in Gewässern, Kiesgruben oder Wäldern entsorgt worden. Dem wollte der promovierte Chemiker Märki ein Ende setzen, das war für ihn seine "verdammte Pflicht und Schuldigkeit". Die Lösung war eine Deponie in der Kölliker Tongrube, der Aargauische Bund für Naturschutz hatte sie als Standort empfohlen. Initiiert wurde die Müllkippe von einem Konsortium der Kantone Aargau und Zürich, der Stadt Zürich und der Basler Chemie, darunter Ciba-Geigy, Sandoz und Hoffmann-La Roche. Sie standen alle unter Zeitdruck: Eben hatten die Zürcher eine Sondermüllverbrennungsanlage in Dietikon abgelehnt, und die Chemiefirmen brauchten dringend Ersatz für eine Halde im jurassischen Bonfol, die überzuquellen drohte.

1978 war es so weit: Die Giftmüllkippe wurde offiziell eröffnet. Und Erwin Märki, jetzt Deponiechef, lobte den Kölliker Gemeinderat für seine "sehr aufgeschlossene Haltung".

Doch im Dorf selber herrschte nicht eitel Freude über den Abfall, der bald aus der ganzen Deutschschweiz und aus Süddeutschland den Weg nach Kölliken fand. Kaum waren die ersten Fässer abgeladen, formierte sich Widerstand.

Hertha Schütz-Vogel ist heute 74 Jahre alt. Stolz zeigt sie ihr Archiv zur Sondermülldeponie: Ein Dutzend Aktenordner voll mit Zeitungsartikeln, Briefen, Eingaben, Protokollen, handschriftlichen Notizen. Sogar ein Deponietagebuch führte sie. Niemand kennt die Geschichte der Lagerstätte besser als sie, die jahrelang dagegen kämpfte – und am Schluss recht behielt. Wofür sie manchen als Heldin gilt.

Bereits 1977 begann sich Schütz-Vogel öffentlich einzumischen. Und das als Frau – eine Unerhörtheit im 3.000-Seelen-Dorf. Als sie im Dezember eine Versammlung organisierte, riet ihr der Gemeindeschreiber, sie solle besser Weihnachtsguetzli backen. Doch die junge Frau war nicht nur empört, sie hatte Argumente: Als gebürtige Köllikerin wusste sie, dass es in der Tongrube Wasser gab. Also würde das Gift über kurz oder lang ins Grundwasser gelangen. Sie beschaffte beim Brunnenmeister eine Wasserkarte der Deponie und entdeckte darauf den Aaretal-Gundwasserstrom, eines der wichtigsten Grundwassergebiete der Schweiz. Nur 200 Meter vom Giftmüll entfernt lag eine Trinkwasserfassung. Schütz war beunruhigt: Würden ihre Kinder einmal ausbaden müssen, was die Elterngeneration mit dem Grundwasser angerichtet hatte?

Plötzlich waberte ein bestialischer Gestank durchs Dorf

Die Behörden verneinten und beschwichtigten, die Deponie sei sicher. Und sie glaubten daran; das Betriebskonsortium übernahm die Kausalhaftung. Der vom Kanton bestellte Geologe Carlo Colombi sagte, die Tongrube sei "praktisch dicht", fürs Grundwasser bestehe daher keine Gefahr. Das größte Problem sei der heraussickernde Deponiesaft. Ein Problem, das sich dank der hydrogeologischen Verhältnisse von selbst erledigen werde. Auf eine Abdeckung des Grubenbodens und eine Drainage wurde deshalb verzichtet, das Abwasser floss in den Dorfbach. Erst viel später baute man eine künstliche Entwässerung, die direkt in die Kläranlage führte.

Doch viele Menschen im Dorf, auch Schütz-Vogel, sahen, wie die Müllkippe organisiert war. Ein ungelernter Arbeiter führte Buch über die angelieferten Materialien und kontrollierte die Abfälle am Eingang – mit bloßem Auge. Niemand wusste also, was wirklich nach Kölliken gebracht wurde. Ein Anwohner machte Druck, er erreichte ein Ablagerungsverbot für toxische Stoffe, die das Sickerwasser in übermäßiger Weise belasten könnten. Nur ist Giftmüll – nomen est omen – immer giftig, sprich toxisch.

Aus allen Ecken der Deutschschweiz wurde Sondermüll geliefert. Darunter chemische Destillationsrückstände, Säureharze, cyanidhaltige Gasreinigermasse, Armeebatterien, phenolverschmutzte Erde, Lacke, Stoffe der Giftklasse 1. Die überaus günstigen Entsorgungspreise von 45 bis 85 Franken pro Kubikmeter zogen sogar ausländische Kunden an.

Heute werden die insgesamt 630.000 Tonnen Sondermüll in Kölliken bis zum letzten Gramm ausgebaggert. Über der Kippe steht die größte Halle der Schweiz. Nicht einmal die Luft darf ungefiltert raus. Eine Anlage, so groß wie ein Einfamilienhaus, entzieht ihr sämtliche Schadstoffe. Das Gelände ist eine Hochsicherheitszone. Video- und Wärmebildkameras überwachen die hintersten Winkel. Die explosionssicheren Kabinen der Bagger sind luftdicht abgeschlossen. Betritt ein Arbeiter den Giftbereich zu Fuß – was selten vorkommt –, trägt er Sicherheitsanzug, Gasmaske und GPS-Sender. Alle vier Wochen müssen die Arbeiter zum medizinischen Check.

Der Schwarze Peter wird reihum gereicht

Als die Deponie eröffnet wurde, wurde das Thema Sicherheit eher kleingeschrieben. Doch 1979, nach einem Betriebsjahr, breitete sich ein bestialischer Gestank im Dorf aus. Anwohner klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit. Der Kantonsarzt jedoch diagnostizierte "psychosomatische Ursachen", die Beschwerden galten als "Hausfrauensyndrom". Dennoch vertraute die Mehrheit der Kölliker weiter den Behörden: Wenn der Staat etwas unternimmt, ist es eine sichere Sache. Der Staat kann sich keine Fahrlässigkeiten leisten.

Hertha Schütz-Vogel aber hatte den Glauben an die Behörden verloren. Sie studierte Gesetze, schrieb Briefe an Ämter und Zeitungen, stellte kritische Fragen, wandte sich ans Kantonsparlament. Ihr Widerstand hatte Folgen: Sie bekam anonyme Anrufe, ihre drei Kinder wurden gehänselt, der Schreinerei der Familie entgingen Aufträge. Sie erhielt Drohbriefe: "Wenn Sie an einer Gemeindeversammlung noch einmal aufstehen, sorge ich dafür, dass Sie nie mehr aufstehen."

Anfang der achtziger Jahre spitzte sich die Situation in Kölliken zu: Die Kläranlage kollabierte unter der Verschmutzung durch das Deponieabwasser; im Dorfbach verendeten die Fische, bei einigen Anwohnern stank es höllisch aus der Kanalisation – und in der Grube brannte es. Auch der Mann von Herta Schütz-Vogel musste mit der Feuerwehr ausrücken – ohne Gasmaske. "Greift beim nächsten Mal das Feuer mit dem Wind an!", riet der Deponiechef Erwin Märki. Er war Leiter des Betreiberkonsortiums und gleichzeitig dessen Oberaufseher. Er kontrollierte also sich selbst.

Allmählich wurde klar, dass die optimistischen Prognosen der Behörden falsch waren: Niemand konnte die Emissionen kontrollieren. 1985 kippte die Stimmung in Kölliken. Die Bürger wollten, gegen den Willen des Gemeinderats, die Giftmüllkippe schließen.

Weltwoche und Aargauer Tagblatt berichteten, das Sickerwasser übersteige massiv die gesetzlichen Grenzwerte. Und weil Gewässerverschmutzung ein Offizialdelikt ist, musste nun gehandelt werden. Der Gemeinderat Kölliken verordnete zuerst einen "vorübergehenden Deponiestopp" – aber schließlich war endgültig Schluss.

Die Vorzeigedeponie hatte sich als Umweltdesaster entpuppt. Und nach jahrelangem Tauziehen wurde entschieden: Gegen die langfristige Grundwassergefährdung hilft nur noch eine Totalsanierung.

Wer aber hatte das Fiasko zu verantworten?

Der Aargauer Große Rat kam zum Schluss: Es bringt nichts, nach Schuldigen zu suchen. Besser, man macht sich ans Aufräumen. Die aargauische Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Grundwasserverschmutzung, doch das Verfahren wurde 1988 eingestellt. Die Anhaltspunkte reichten nicht aus für eine Anklage, es konnten keine Straftatbestände nachgewiesen werden – und erst recht ließ sich kein Verschulden von einzelnen Personen feststellen.

Heute heißt es beim Kanton Aargau: Nicht jeder, der Fehler begehe, mache sich auch strafbar. "Diese Leute haben es nicht böse gemeint", sagt Hans-Martin Plüss vom Departement für Bau, Verkehr und Umwelt. Nein, fahrlässig habe niemand gehandelt, sagt Peter Kuhn, der kantonale Altlastenverantwortliche. Zwar seien aus heutiger Sicht Fehler gemacht worden, "aber für damalige Verhältnisse war das eine geordnete Deponie".

Solche Aussagen machen Hertha Schütz-Vogel wütend: "Die Deponie wurde absolut dilettantisch geführt. Die Behörden haben jahrelang versucht, die Probleme zu vertuschen und haben immer nur gehandelt, wenn es nicht mehr anders ging. Die Verantwortlichen hätten sich der Konsequenzen bewusst sein müssen." Doch die meisten, die damals das Sagen hatten, sind längst tot. Auch Erwin Märki, der Deponievater, bei dem alle Fäden zusammenliefen. "Der Kölliker Gemeinderat hätte mehrmals Anlass gehabt, die Grube zu schließen", sagt Schütz-Vogel, er werde zu Unrecht als Opfer gesehen. "Das Ganze war eine Verkettung von Beschönigung und Beschiss", verteidigt sich der damalige Gemeindeammann Gerhard Vogel, ein heute 82-jähriger Mann. Der Regierungsrat habe "politisches Gewicht" ins Dossier gelegt. Hätte Kölliken die Müllkippe nicht akzeptiert, hätte der Kanton die Bewilligung für ein Altersheim verzögert. Man habe sich vom Kanton immer wieder überzeugen lassen, dass neue Maßnahmen Besserung bringen würden. "Am meisten angelogen aber hat uns Ingenieur Colombi."

Carlo Colombi, heute 78 Jahre alt, gibt gern Auskunft. Immerhin war Kölliken eines der wichtigsten Mandate beim Aufbau seiner Firma Colombi, Schmutz, Dorthe. CSD Ingenieure ist heute das führende Schweizer Umweltingenieurbüro. Die Firma verdient an der Sanierung der Abfallgruben, die sie einst als sicher beurteilte. Colombi sagt ungefragt, das Budget in Kölliken sei sehr klein gewesen. Für die Abklärung der hydrogeologischen Situation hätten anfänglich kaum Mittel zur Verfügung gestanden. Er selber habe sich für höhere Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt. Die Ursache für das Fiasko liege bei den Behörden, die ungeeignete Stoffe hätten einlagern lassen. Kritische Fragen prallen am eloquenten Ingenieur ab: Seine Aussagen seien teilweise falsch interpretiert worden. Er habe nie behauptet, die Grube sei vollkommen dicht, sondern dass er die Versickerung für "tragbar" halte. Damals seien die Grenzwerte für Wasserverschmutzung weit tiefer gewesen. Eine Mitverantwortung weist er weit von sich. Unter den damaligen Umständen habe seine Firma gut gearbeitet: "Kölliken wurde politisch aufgeblasen."

Wer trägt Schuld am Desaster? Der Schwarze Peter wird reihum gereicht

So wird der Schwarze Peter reihum gereicht. Der Kanton beschuldigt den Ingenieur, der Ingenieur den Kanton – und alle anderen beschuldigt der Kölliker Gemeinderat.

Klar war einzig, wer nun bezahlt: die öffentliche Hand. Von den geschätzten 980 Millionen Sanierungs- und Rückbaukosten bezahlen die Kantone Aargau und Zürich je rund 320 Millionen, die Stadt Zürich und die Basler Chemie je rund 60 Millionen. 214 Millionen Franken übernimmt der Altlastenfonds des Bundes.

Mitte 2015 dürfte der Sondermüll in Kölliken ausgebaggert sein. Dann soll der kontaminierte Untergrund abgetragen und die Grube neu aufgefüllt werden. Ein großer Teil des ausgehobenen Materials wird in den Niederlanden und in Deutschland gewaschen oder verbrannt. Der hochgiftige Filterstaub aus den Verbrennungsanlagen wird in deutschen Untertagedeponien endgelagert. Tief unter der Erde sind die Reste des Kölliker Gifts sicher. Sagen die Behörden.

Die Frage ist nur, für wie lange.