Sprache haben wollte er über den Tod hinaus. Sterben aber, so antwortete Hermann Burger in einem Fragebogen, möglichst "definitiv". Ersteres wurde ihm nun dank der Hartnäckigkeit des Germanisten Simon Zumsteg vergönnt. Mit einer achtbändigen Neuauflage macht er das Werk eines der größten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wieder zugänglich.

Damit ist Burger, nach dem keine Straße und kein Spazierweg benannt ist, zumindest wieder lesbar. Ob ihm damit auch ein Platz im literarischen Kanon der Schweiz gewährt wird?

Denn Burger ist nicht der einzige Vergessene. Fast gänzlich versunken in den ökonomischen Turbulenzen eines erhitzten Marktes ist das Œuvre eines Otto F. Walter, eines Guido Bachmann oder Kuno Räber, eines Jürg Federspiel oder einer Elisabeth Meylan. In eigenartiger Vergesslichkeit ist hierzulande nur noch von Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt die Rede, den Klassikern der Moderne.

Gott sei Dank, möchte man ausrufen, fehlte Burger das Zeug zum Klassiker. Zu tief spaltete er zeitlebens die literarische Öffentlichkeit. Die meisten waren beeindruckt von dem, was er eruptiv und in kurzen Abständen herausbrachte, aber wandten sich von der Art und Weise ab, wie er für sich und sein Werk warb. Den Deutschen war er, der seine Sucht nach Neudeutungen und sprachlicher Künstlichkeit auf die Spitze trieb, ein Naturtalent aus dem stumpenräuchelnden Wynental. Breitbeinig mit schwarzem Schlapphut, zauberte er vor dem ungelehrten Publikum ebenso wie vor einem Marcel Reich-Ranicki. Legte sich auf der Frankfurter Buchmesse, seinen Schuss auf die Kanzel ins Lächerliche ziehend, mit dem Karabiner auf den Boden. Er schickte seine Sätze durch die Hirnwindungen seiner Leser, wie er im Bob durch die Eisbahnen von St. Moritz raste oder im Ferrari Testarossa durch den Gotthardtunnel. Hermann Burger, 1942 als Sohn eines Versicherungsinspektors und einer Hausbeamtin im aargauischen Burg auf die Welt gekommen, war seine eigene Geburt ein Trauma, das er am liebsten rückgängig gemacht hätte. Dazu wurde er Schriftsteller und Privatentertainer. Burger verkörperte die erste komplette Einmannshow im schweizerischen Literaturbetrieb. Die kritischen, genervten oder zuweilen heuchlerischen Stimmen, die sich damals gegen ihn erhoben, konnten ihm letztlich nicht schaden, da er wusste, dass es in der Warenwelt der geteilten Aufmerksamkeiten nur einen Schaden gibt: das Nichtbeachtetwerden.

In seiner Selbstvermarktung war Burger unschweizerisch und klotzte. Der Autor war unentwegt auf der Stör, ein Vorläufer des Personenkults. Doch gegenüber den ausgefeilten Marketingstrategien der Großverlage mit ihren Spindoctoren nehmen sich Burgers Strategien heute fast rührend aus.

Wie aber liest sich der Autor Hermann Burger heute?

Die Erzählungen und die Romane sind fast ohne jedes erotische Fluidum, sprachversessen, atemlos, mit einer fixen Idee behaftet. Die Macht, mit der er die Sätze aus sich herauswand, spürt man als Leser heute noch stärker als damals. Nach Lücken und einem Leerraum zwischen den Zeilen sucht man vergebens. Deutlicher fällt heute auch auf, dass seine Fetischisierung des Sprachlichen die krudesten erzählerischen Setzungen entschuldigte. Aber auf Realismus war dieser Autor nicht aus, denn seine Figuren waren aus nichts anderem als aus Wörtern geschaffen. Letztlich war ihm, der er sich selber einen "Mann aus Wörtern" nannte, das Fleischliche ein unerreichbares Ziel. Der Autor, selber ein Fall für die Psychiatrie, bettete sein Leiden in die damals übliche sprachkritische Tradition eines Peter Handke und Thomas Bernhard ein: Literatur ist Sprache, Welterkenntnis zu allererst Spracherkenntnis. Als Imitator begann Burger deshalb mit dem Schreiben. Begab sich, statt auf Reisen, in die etymologischen Tiefen der Wörterbücher. Zur Übung kopierte er ganze Passagen von Thomas Mann, Theodor Fontane oder Günter Grass. Seine Kirchberger Idyllen verbargen das Suchende und Tastende unter einem Neoklassizismus à la Mörike.