Bei der wichtigsten Uhr des Landes fehlen die Zeiger. Mitten im Berliner Regierungsviertel ist ein Digitaldisplay angebracht, auf dem die Entwicklung der Staatsschulden abzulesen ist. Mehr als zwei Billionen Euro zeigt es mittlerweile an – und jede Sekunde kommen 490 Euro hinzu. Das sind 42 Millionen Euro pro Tag.

Die Schuldenuhr ist das Symbol für die zerrütteten deutschen Staatsfinanzen. Sie zeichnet das Bild eines Landes, das geradewegs auf den Bankrott zusteuert.

Die Sache ist nur: Die Uhr geht falsch.

Die Schulden steigen nicht mehr, sie sinken. Bereits zu Beginn der Woche wurde bekannt: Der Staat hat im vergangenen Jahr mehr eingenommen, als er ausgegeben hat. Nun zeigen Recherchen der ZEIT, dass erstmals in der Geschichte der Republik der über viele Jahrzehnte hinweg aufgetürmte Schuldenberg niedriger geworden ist. Es ist eine kleine Sensation – mit großer politischer Tragweite.

Die Staatsverschuldung ist zwar nur eine von vielen ökonomischen Größen zur Beschreibung des Zustands eines Landes, aber sie hat eine enorme Symbolkraft. Gleich, wer in Deutschland in den vergangenen sechzig Jahren Finanzminister war, gleich, ob die Konjunktur gut lief oder schlecht: Der Schuldenberg wuchs. Die Sorge um die Staatsfinanzen ist Teil des kollektiven Unterbewusstseins im Land, verbunden mit der Angst vor der Geldentwertung. Die letzte große Koalition hat die Begrenzung des Schuldenanstiegs sogar ins Grundgesetz schreiben lassen.

Mitten in die heiße Phase der Haushaltsverhandlungen platzt nun die Nachricht, dass die Schulden nicht mehr, sondern weniger geworden sind. Noch im März will das Bundeskabinett den Haushalt für das laufende Jahr und die Eckpunkte des Etats für das kommende festklopfen – und nun sieht es so aus, als falle es dem Land leichter, das Geld zusammenzuhalten, als es sinnvoll auszugeben.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres ist die Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden bereits um 44 Milliarden Euro gesunken. Wenn das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in voraussichtlich zwei Wochen die Daten für die verbliebenen drei Monate veröffentlicht, wird sich dem Vernehmen nach auch für das Gesamtjahr ein Rückgang ergeben.

Das liegt vor allem am Ende der Finanzkrise. Als die Märkte verrücktspielten, haben Bund und Länder die Altlasten maroder Banken wie der WestLB oder der Hypo Real Estate übernommen. Das hat die Staatsschulden um mehr als 200 Milliarden Euro nach oben getrieben. Inzwischen ist jedoch klar, dass die vermeintlichen Schrottpapiere nicht nur Schrott sind, sondern sich durch einen Verkauf zu Geld machen lassen. So haben etwa die südeuropäischen Staatsanleihen in den Büchern der deutschen Bad Banks zuletzt erheblich an Wert gewonnen. Die Abwicklungsanstalt der Hypo Real Estate konnte allein im ersten Halbjahr 2013 acht Milliarden Euro hinzuverdienen – und dadurch die staatliche Schuldenlast senken.

Auch die staatlichen Haushalte schreiben unterm Strich schwarze Zahlen. Im vergangenen Jahr haben der Bund und die Länder zwar noch neue Kredite aufgenommen, doch die Gemeinden und die Sozialkassen erwirtschafteten bereits einen Überschuss. Der Staatsbankrott rückt derzeit also nicht näher, sondern in die Ferne. Jens Boysen-Hogrefe, Finanzwissenschaftler am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, hält es sogar für möglich, dass die Staatsverschuldung noch vor dem Jahr 2020 wieder unter jene 60 Prozent der Wirtschaftsleistung fällt, die im Euro-Raum eigentlich maximal vorgesehen sind.