Bei Vinyl denkt man heute erst einmal an Schallplatten, es ist eine Chiffre für die gute alte Zeit. Das war nicht immer so: Im vergangenen Jahrhundert galt es lange als Inbegriff der Moderne.

Der Begriff Vinyl ist die Kurzform von Polyvinylchlorid, PVC genannt. PVC wurde 1835 zufällig von dem französischen Chemiker Henri Victor Regnault entdeckt. Aber erst hundert Jahre später wurde es in den Laboren der IG Farben in Bitterfeld in Form von Hart-PVC industriell nutzbar. Nach 1945 war PVC der meistproduzierte Kunststoff der Welt. 1948 löste es als Material für Schallplatten den Schellack ab. PVC prägte von nun an eine knallbunte Plastikkultur, die für Optimismus und Zukunftsfreude stand. In der Mode waren Futuristen wie Paco Rabanne und Pierre Cardin begeistert von den Möglichkeiten der Kunststoffe. Bald allerdings verloren diese für die Designer ihren Zauber und waren fortan vor allem als Lederersatz zu finden, denn sie saugen sich nicht mit Wasser voll und lassen sich gut färben.

Nun kommt der PVC-Look zurück. Allerdings spricht diesmal niemand von PVC, sondern von Vinyl, weil es hochwertiger klingt – eine Vinylpressung ist ja auch begehrenswerter als eine Compact Disc. Saint Laurent Paris ließ für den Winter allerlei glänzendes Plastik sehen. Calvin Klein Collection zeigte Oberteile aus Vinyl, Kleider und Röcke mit Vinylapplikationen sowie einen glänzenden Vinyl-Komplettlook, bestehend aus dunkelgrünem Trenchcoat und Stiefeln. Und Proenza Schouler und Alexander McQueen haben für den Sommer Kleider präsentiert, die aussehen, als seien sie aus Plastik geschnitten.

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Ein Grund für das Revival von Vinyl mag sein, dass es zum Grundmaterial der Fetischszene gehört. Seiner Trägerin haftet etwas Verruchtes an, ohne dass man explizit werden muss. Vor allem Donatella Versace hat von diesem Effekt reichlich Gebrauch gemacht. Solche Anleihen ans Rotlichtmilieu sind in der Mode inzwischen möglich, ohne die Trägerin herabzuwürdigen. Es zeigt, wie weit sich die Kleiderordnung mittlerweile von einer eindeutigen Zuordnung entfernt hat. Allerdings ist nicht alles Vinyl, was glänzt. Auch bei Fendi glänzt es zwar kräftig. Es handelt sich dabei aber um glattes Leder. Aufwendig bearbeitet, substituiert es Plastik. Auch eine Möglichkeit, mit dem Geheimnis des Materials zu spielen.