Hinten ein unheimlicher Tannenwald – als Videotapete, davor Figuren in rot-schwarzen Trachten, über die leere Bühne verteilt; ganz links Schlagzeug, Bass und Flügel, woran ein Girl im Glanzbadeanzug lehnt. Jetzt fällt der erste Satz: "Es blüht ein schlesisch Haus / in Föhren kühl und still ..." – Nanu, Schlesien? Kaum ist das Gedicht vorbei, da tritt auch schon eine Hübsche an die Rampe und sagt uns: "Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen ...", weil’s da zum einen die fleißigen Uhren- und Glasmacher gebe, zum andern die wilden Holzschläger, Flößer und Händler. Das ist der Anfang von Wilhelm Hauffs Märchenerzählung Das kalte Herz, und wer sie je gelesen hat, wird diese Bilder für immer im Herzen haben: vom hilfreichen Glasmännlein und dem Unholdriesen Holländer-Michel, der gigantische Tannen schlägt und sie selbst bis nach Rotterdam flößt, wo man viel mehr kriegt als bei den Zwischenhändlern in Köln! Global denken, Profit machen, rücksichtslos wirtschaften! "Die Holzherren erfuhren lange nichts von dem Handel, und unvermerkt kam Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus Holland herauf." Der Michel tauscht Herzen gegen Steine in der Brust. So schrieb es Hauff (der mit knapp 25 in Stuttgart starb). Man ahnt, dass die Erzählung was hergeben könnte für uns. Diese Aufstiegs- und Absturzbiografie, wo einer vom Bettler zum Krösus wird und am Ende, wie der Buttje-Fischer, "wieder im Pisspott" hockt; Seelenverkauf gegen Wohlstand – ein altes Motiv, bei Dr. Faust wie beim Schlemihl. Nur dass Hauff auch die biedere Welt der Handwerker und Gewerbefleißigen zeigt, die Sonntage im Wirtshaus und die Werkeltage in Armut, das Köhler-Mütterchen und die gutherzige Lisbeth. Wir sind in Romantik und Biedermeier – worauf bekanntlich die blutigen Revolutionen folgten: 1848.

Wie gesagt: Daraus ließe sich was machen.

"Ein Film ist immer nur so gut wie sein Drehbuch", heißt es. Hinter der Theaterfassung von Hauffs Kaltem Herz steht schon mal kein Autor, obwohl der Regisseur Armin Petras als erfolgreicher Autor (namens Fritz Kater) und auch als Umformer von Romanen und Filmen für die Bühne erfolgreich ist. Die Hauff-Fassung ist jedenfalls ein Komposthaufen halb vergorener Einfälle, ein Durcheinander gängiger Ausflüchte, wenn einem nichts mehr einfällt.

Ins Heutige vertieft wurde Hauffs Story nirgends, stattdessen reduzierte man seine Erzählung auf eine etwa zehnseitige Strichfassung querbeet: Mal rezitiert eine Sprecherin Originaltexte – "was dann geschah" –, mal werden Hauffs Dialoge nachgesprochen, was natürlich papiersteif klingt.

Das alles wäre nun in einer knappen Stunde runterzuspielen und erwiese damit seine Albernheit; geht drum nicht. Also greift Petras zu dem, was gängig ist auf vielen Bühnen: Er bastelt ein Beliebigkeits-Cross-over, ein Potpourri der Stile; füllt fürs Erste die Rückwand mit Videosequenzen von Waldungen, Feuerwerken und Dämonentreiben, wirft sodann Volkstanzgruppen in die Text- und Handlungslöcher, damit es rund läuft auf den Brettern, bisweilen verstärkt durch "Waldmenschen" im zottigen Perchten-Outfit und auch durch fünf ballettierende Tanzdamen. Dann erzählt eine Frau, wie sie bei Norma an der Kasse Jesus begegnet sei, der seine Mutter suchte und ihr ein Ei zeigte. Einmal holen sich die Tänzer, während einer schier endlosen Folklore-Musiziererei, Gäste aus dem Publikum (es ist entsetzlich) auf die Bühne, bis droben alles überfüllt ist und drunten starres Staunen gähnt. Und sonst? Slapsticks gibt es, Lichterblitze, Fickstöße zwischen Oberschenkel; der Holländer mit einer Gurke vorm offnen Latz; was man halt so macht auf den Bühnen.