Man darf sich den Bestsellerautor Thilo Sarrazin nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Von dem Erfolg seines Buches Deutschland schafft sich ab ist dem früheren Berliner Finanzsenator vor allem eines geblieben: Bitterkeit und ein gewaltiges Rechtfertigungsbedürfnis. Der Entrüstungssturm, den seine wilden Thesen über die Folgen deutscher Einwanderungspolitik auslösten, kostete den Sozialdemokraten seinen Posten im Vorstand der Bundesbank und fast die Mitgliedschaft seiner Partei. Aber interessanterweise ist es nicht das, was ihn umtreibt. Es ist der paradoxe Umstand, dass seine Provokation glückte – und seine Kritiker auf just dem Erregungspegel antworteten, den sein Buch 2010 vorgegeben hatte.

Es gibt ein Schema, nach dem sich in Deutschland, noch bevor irgendein Argument gefallen ist, linke von rechten Positionen unterscheiden lassen: nämlich durch die rhetorischen Hohlformeln, von denen sie eingeleitet werden. Ist es schon wieder so weit?, fragt der Linke. Das wird man wohl noch sagen dürfen, klagt der Rechte. Sarrazins Buch war ein schwerer Fall des Man-wird-wohl-noch-sagen-Dürfens – nämlich, dass die Einwanderung aus bevorzugt islamischen Ländern ein Unglück für unsere Zukunft verspricht. Ist es schon wieder so weit?, empörte sich daraufhin die Linke – nämlich dass Minderheiten verteufelt werden.

An diesem Schema hat Sarrazin auch seine Rechtfertigungsschrift ausgerichtet, die er jetzt unter dem Titel Der neue Tugendterror vorgelegt hat. Was man wohl noch aussprechen darf – das sind für ihn die Fakten, die nach "simpler Dreisatz-Logik" und ohne Zutat eines Vorurteils zu dem prekären Befund führen. Indes bedarf es keines linken Verdachts auf Wiederkehr nazistischen Gedankenguts, um das Empörungspotenzial von einst zu verstehen. Nehmen wir einmal an, man gehorchte nur der "Dreisatz-Logik" und formulierte folgenden Syllogismus: Erstens geben die islamischen Einwanderer in Deutschland ihre unterdurchschnittliche Intelligenz und Bildung zuverlässig an ihre Nachkommen weiter, zweitens bekommen sie deutlich mehr Kinder als besser gebildete Deutsche – und daraus schlösse man drittens, dass sich Deutschland abschaffe, jedenfalls im Sinne eines Landes mit intelligenter und gebildeter Bevölkerungsmehrheit. Was wäre das? Wissenschaft? Jedenfalls würde daraus notwendigerweise, wenn auch nicht mehr nach den Gesetzen der reinen Logik, noch etwas Viertes folgen: dass sich die islamischen Einwanderer empören – und alle anderen auch, die dem zugrunde liegenden Biologismus und sozialen Fatalismus misstrauen.

Das Unheil begann für Sarrazin mit den Juden und dem Monotheismus

Nun haben wir vorsichtshalber den Dreisatz als bloße Annahme formuliert und keineswegs Sarrazin zugeschrieben. Denn in seiner Rechtfertigungsschrift wehrt sich der Autor mit solcher Wut gegen all die falschen und verkürzten Lesarten, denen seine Thesen ausgesetzt waren, dass nicht sicher ist, ob er es überhaupt für erlaubt hält, seine Thesen mit anderen als seinen eigenen Worten wiederzugeben. Darum nehmen wir auch nur an, man hätte sein Buch in der Art des Dreisatzes verstehen können. Aber gesetzt den Fall – müsste man nicht darin einen Verstoß gegen einfachste Gebote der Mitmenschlichkeit und eine Sammlung höchst fragwürdiger Prämissen sehen? Und gibt es auf dem heiklen Feld der genetischen oder sozial bedingten Weitergabe von Eigenschaften überhaupt Zwangsläufigkeiten? Sind wir berechtigt, Menschen allein nach Maßgabe ihrer Intelligenzressource für die Zukunft beurteilen?

Wer Sturm sät, sollte wissen, dass er Sturm erntet. Aber diese Perspektive gilt offenbar nicht für den, der sich kentern sieht. Thilo Sarrazin meint vielmehr, dass es eine universalgeschichtliche Perspektive auf Tausende Jahre menschlicher Fehlentwicklung braucht, um die "generelle Frage" zu beantworten, was Menschen daran hindert, ihn angemessen zu verstehen beziehungsweise "Tatsachen und kausale Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen und geistig adäquat zu verarbeiten". Das Unheil begann für Sarrazin mit den Juden und ihrer Erfindung des Monotheismus, der die Offenbarungswahrheit und damit die religiöse Intoleranz hervorbrachte, später die christliche Inquisition, die Hexenverfolgung und nach diesem Muster den säkularen Terror der Französischen Revolution, des Stalinismus, Nationalsozialismus – und heutzutage den Meinungsterror der linken Massenmedien. Das Schlimmste zuletzt.