"Disneyland erinnert mich daran, wie ich als Kind mit der Familie auf die Kirmes ging"

ZEITmagazin: Herr Struth, Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Künstler, die mit Fotografie arbeiten. Warum beschäftigen Sie sich nun mit Disneyland?

Thomas Struth: Vor sechs Jahren habe ich einen Zeitungsartikel über Disneyland gelesen. Da war ein Foto abgebildet von Micky Maus und Daisy vor dem Märchenschloss. Aus dem heutigen Blickwinkel, in einer Zeit, in der Filme in 3-D gedreht werden und alles, was das menschliche Gehirn sich ausdenkt, digital verblüffend realistisch abgebildet werden kann, erschien mir dieses Foto wie eine archaische Form von Fantasie – wie eine in Skulptur gegossene Erinnerung.

ZEITmagazin: Auf Ihren Fotos mutet Disneyland an wie eine besonders akribisch hergerichtete Filmkulisse. Sollen wir das als Kulturkritik verstehen?

Struth: Nein, mir ging es auch nicht darum, irgendetwas hinter den Kulissen aufzudecken, das wäre zu einfach. In meiner Ausstellung in Berlin zeige ich die Disneyland-Bilder zusammen mit Motiven aus Technologie und Wissenschaft. Diese sind für mich ebenfalls materialisierte und skulpturale Erzeugnisse von Gedanken einzelner Personen oder bestimmter Gruppen. Was für Produkte erschafft die Fantasie, welche Ausstrahlung haben die Dinge? Bevor man Dinge herstellen kann, muss man sie sich ja erst einmal vorgestellt, sich ausgemalt haben. Mich interessiert die Latenz zwischen der Erinnerung, dem gedanklichen Archiv sozusagen, der tatsächlichen Wahrnehmung und ihren Unsicherheiten, den Träumen und Zukunftsvorstellungen. Ich versuche, repräsentative Bilder dafür zu finden.

ZEITmagazin: Vor einigen Jahren fotografierten Sie den Dschungel, das genaue Gegenteil dieser künstlichen Welt. Gibt es da eine Verbindung?

Struth: Ich denke schon. Die Dschungelbilder entstanden aus dem Wunsch heraus, Fotos zu machen, die eine derart große Fülle an Details haben, dass man aufgeben muss, jedes Detail erfassen zu wollen.

ZEITmagazin: Praktisch jeder ist ja mit Disney-Figuren wie Micky Maus aufgewachsen. Wie war es für Sie, zum ersten Mal in Disneyland zu sein?

Struth: Es hat mich daran erinnert, wie ich als Kind mit der Familie auf die Kirmes und dort in die Geisterbahn oder die Raupe gegangen bin. Natürlich habe ich manchmal auch Disney-Comics gelesen.