Hinrichtungen sind immer grausam, ganz gleich, wie ein Verurteilter stirbt. Trotzdem werden auch im 21. Jahrhundert noch Menschen gehängt, gesteinigt, enthauptet und erschossen. Denn 58 Staaten weltweit vollstrecken die Todesstrafe, darunter die USA. Dort wird seit 1982 die Tötung hauptsächlich per Giftspritze praktiziert, die Führungsmacht des freien Westens preist sie als humane und moderne Hinrichtungsmethode. Kritiker hingegen entsetzt auch diese Praxis. Immer wieder kommt es bei der tödlichen Injektion zu Zwischenfällen. Nichtregierungsorganisationen sprechen gar von Menschenversuchen an Verurteilten, Mediziner und Pharmakologen zweifeln an der schmerzfreien Wirksamkeit der Giftmischungen. Und jetzt ist den USA auch noch eine wichtige Zutat des Giftcocktails ausgegangen. Treibt Amerika da ein tödliches Spiel mit Menschen?

In Ohio rang Mitte Januar Dennis McGuire eine Viertelstunde lang mit dem Tod, bis das Gift seinen Zweck erfüllt hatte. Da das Beruhigungsmittel Midazolam nicht richtig anschlug, wachte der Verurteilte während der Exekution wieder auf und kämpfte minutenlang mit dem Tod. Er röchelte, er schnappte wie ein Fisch nach Luft und erstickte schließlich bei Bewusstsein. Da in den USA die Zutaten für das Standardgift ausgegangen waren, hatten die Behörden in Ohio einen neuen, experimentellen Todescocktail panschen lassen – und McGuire damit einem unnötig qualvollen Tod überantwortet. Nicht nur Laien fragen sich: Ist die führende Pharmanation nicht in der Lage, Menschen komplikationsfrei hinzurichten?

Aus europäischer Perspektive erscheint es grotesk bis geschmacklos, sich überhaupt mit einem solchen Thema zu befassen. Darf man ernsthaft über das Paradoxon nachdenken, wie man einen Menschen umbringt, ohne ihm dabei Qualen zuzufügen? Verbietet sich ein solches Gedankenexperiment nicht für jeden, der die Todesstrafe an sich ablehnt?

Tatsächlich ist Europa nicht ganz unbeteiligt an dem Dilemma der Amerikaner. Weil die Europäische Union bereits 2009 die Ausfuhr des Betäubungsmittels Thiopental in die USA verbot, ging den dortigen Vollstreckungsbehörden das erste von drei Präparaten des Giftcocktails aus. In Europa kommt dieses Mittel als gewöhnliches Narkotikum zum Einsatz. Als Ersatz bezogen die Amerikaner bis vergangenen Herbst das Narkosemittel Pentobarbital von der dänischen Firma Lundbeck, mit dem mitunter Tiere eingeschläfert werden. Seitdem auch diese Firma nicht mehr liefert, experimentieren die Amerikaner mit anderen Giftmischungen – und halten diese, wie etwa Ende Januar in Missouri angeordnet, oft sogar geheim. Weil insgesamt nur geringe Mengen benötigt werden, rentiert es sich für keinen US-Hersteller, diese Betäubungsmittel selbst herzustellen. "Die nötige Neuzulassung wäre extrem teuer und lohnt sich nicht für ein Medikament, das aus dem Patentschutz längst heraus ist", sagt der Toxikologe Florian Eyer von der Technischen Universität München.

Reinhard Merkel, Rechtsphilosoph und Mitglied des Deutschen Ethikrats, sieht Europa deshalb aber nicht in der Verantwortung. "Die EU handelt richtig, wenn sie Medikamente, die bei Hinrichtungen verabreicht werden, nicht liefert", sagt er. Da die Todesstrafe grundsätzlich abzulehnen und abzuschaffen sei, käme eine Ausfuhr der Beihilfe zur Hinrichtung gleich. Eine solche Beihilfe zum Unrecht sei ausnahmsweise nur dann gerechtfertigt, wenn sie das einzige Mittel wäre, mit dem erheblich schwereres Unrecht zu verhindern wäre, glaubt Merkel.

Die USA zählt Merkel allerdings nicht zu diesen Ausnahmen. Völkerrecht und die eigene Verfassung verpflichteten dort den Staat, experimentelle und damit potenziell grausame Hinrichtungen zu unterlassen. "Deshalb ist Europa die Verweigerung der weiteren Lieferung nicht als Mitschuld an künftigen grausamen Hinrichtungen zuzurechnen." Solange allerdings die Amerikaner Menschen hinrichten, müsse man auch darüber nachdenken, welche Methode am wenigsten grausam sei.

Der bislang bei der Todesstrafe angewandte Giftcocktail bestand aus drei Medikamenten, die nacheinander injiziert wurden. Über eine Kanüle im Arm spritzten Justizvollzugsbeamte den Todeskandidaten zunächst das Narkotikum Thiopental. Die Verurteilten verloren spätestens nach 30 Sekunden das Bewusstsein. Das Betäubungsmittel wurde meist in so hoher Dosis verabreicht, dass allein diese Injektion tödlich sein konnte. Anschließend spritzte man Pancuronium in die Vene, um die Muskeln – und damit das Zwerchfell – sowie die gesamte Atmung zu lähmen. Der Verurteilte erstickte. "Je nach vorheriger Sauerstoffversorgung konnte sich das Sterben allerdings über zehn Minuten hinziehen", sagt Eyer.

Entscheidend ist, dass der Häftling sich in einem tiefen Koma befindet und den Atemstillstand nicht erlebt. Denn der Erstickungstod sei schlimmer als der Tod unter Schmerzen, weiß der Anästhesist Michael Zenz von der Universität Bochum aus Erzählungen von Nahtodpatienten zu berichten. "Das ist ein furchtbarer Tod", sagt er. Deshalb sei der in Ohio gepanschte Giftcocktail "völlig inakzeptabel und inhuman".