Die Beraterin des Ex-Präsidenten glaubt, der Kampf um die Ukraine fange gerade erst an. "Wissen Sie, ich sehe viel, nur Demokratie sehe ich nicht", sagt Hanna Herman. Versteckt hinter untersetzergroßen Sonnenbrillengläsern und sorgsam geschminkt, sitzt Herman, 54, zwei Tage nach der Flucht von Viktor Janukowitsch in einem Nobel-Restaurant in der Stadtmitte von Kiew. Sie echauffiert sich, und zwar gewaltig. Bei dem ganzen "Spektakel" da draußen gehe es nur darum, dass "kriminelle Kräfte das Vermögen der Ukraine umverteilen" wollen, sagt sie. Die Absetzung von Viktor Janukowitsch? "Verfassungswidrig! Wenn man einen Rechtsstaat aufbauen will, ist es ein schlechter Start, mit einem Rechtsbruch anzufangen."

Bestand der Rechtsbruch nicht darin, dass auf dem Kiewer Maidan vergangenen Donnerstag über 70 Demonstranten erschossen wurden? Wer steckt dahinter?

"Das weiß ich nicht", sagt Herman. Sie sei zwar an diesem Tag die ganze Zeit über beim Präsidenten gewesen, doch von einer Entscheidung, Schusswaffen zu gebrauchen, habe sie nichts mitbekommen. "In der Nacht standen Leute mit Maschinenpistolen vor dem Büro von Janukowitsch und haben mich nicht mehr durchgelassen."

Die Shrimps auf ihrem Avocado-Salat sind kalt geworden. Herman lässt die Hälfte stehen. So plötzlich, wie sie gekommen ist, verabschiedet sie sich mit ihren beiden Begleitern. "War schön, Sie zu treffen."

Es ist eine Szene, die mehr offenbart als die Überreiztheit einer Geschassten. Wer dieser Tage durch die Ukraine reist, vom Westen über den Süden und nach Kiew, stellt schnell fest, dass die Menschen hier an zwei konkurrierende Versionen der Ereignisse glauben. Die eine Erzählung – der man vor allem im proeuropäischen Westen anhängt – besagt, dass die Ukraine sich nun endlich als europäisches Land emanzipiere und die Bürger für den Staat verantwortlich würden. Die andere Erzählung – im russisch geprägten Osten und Süden verbreitet – sieht Nazi-Geistesbrüder am Werk, die das Land übernähmen und den Bürgern ihren bewährten staatlichen Schutz raubten. Hier stehen sich Schon-Europäer und Noch-Sowjetmenschen gegenüber. Kann ein solches Land überhaupt eine Nation werden?

Sicher ist, dass die Polarisierung ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Die Spannungen innerhalb der Bevölkerung werden umso mehr zunehmen, je engagierter die neue Regierungskoalition in Kiew versucht, das Land nach westlichem Muster zu reformieren, sprich: den alten Patronage-Staat zu demontieren. Die Verlierer werden diejenigen sein, die sich an Politik als ein System von Gefälligkeiten gewöhnt haben. Das sind nicht nur die Oligarchen, sondern auch all die Bürger, die fürchten, unter einem westlichen System werde das Leben teuer und anstrengend.

Nirgendwo reiben sich diese beiden ukrainischen Mentalitäten derzeit so leicht entflammbar wie auf der Krim. Die autonom regierte Halbinsel im Schwarzen Meer gehört zwar zur Ukraine, beheimatet aber auch einen bedeutenden russischen Flottenstützpunkt in Sewastopol. Knapp 60 Prozent der Krimbewohner sind ethnische Russen, 25 Prozent Ukrainer und 15 Prozent Krimtataren, ein Turkvolk, das einst von Stalin vertrieben wurde, seit Ende der 1980er Jahre aber wieder in seine Heimat zurückkehrt.

Russische Krimbewohner beginnen Bürgermilizen zu rekrutieren

Am Tag nach dem Präsidentensturz liegt mitten in der Inselhauptstadt Simferopol zwischen Frieden und Bürgerkrieg nur eine Fußgängerzone. An dem einen Ende haben sich gut zehntausend Krimtataren versammelt. Unter wehenden Europafahnen fordern sie die Auflösung der auch hier herrschenden Janukowitsch-Partei. "Schluss mit dem Diktat!", brüllen sie. "Für die Würde der Ukraine!" Die Partei diskriminiere sie, klagen die Tataren, weil sie sich weigerten, Janukowitsch zu unterstützen. In zehn Tagen, schwören sie, werden sie nicht mit 15.000, sondern mit 50.000 Leuten wieder hier aufmarschieren. Ihr Anführer Refat Tschubarow sagt, er habe eine Gruppe junger Leute gerade noch davon abhalten können, die Leninstatue vor dem Regierungsgebäude zu kippen. Er hat sie nur vertröstet: "Die Zeit dafür ist noch nicht gekommen."