Die Erinnerung an das Außergewöhnliche ist eine schwierige Angelegenheit. Im Moment des Erlebens weiß man, dass das eigene Leben anders aussähe ohne diesen Moment. Immer wieder also werden später die Gedanken an diese Augenblicke zurückkehren – doch in der Rückschau verändert sich alles. Denn der erinnernde Mensch ist unterdessen ein anderer geworden – seine Sicht unterscheidet sich unweigerlich von jenem Blick auf das Außergewöhnliche damals, als es geschah. Und doch kommt man nie von ihm los.

Werner Herzog, der große Regisseur, ist immer wieder in seinen Gedanken nach Amazonien zurückgekehrt, wo ihm einst der Dschungel die wohl eindrucksvollste Zeit seines Lebens beschert hatte. Denn dort hatte er von 1979 bis 1981 Fitzcarraldo gedreht, meinen Lieblingsfilm neben Jean-Luc Godards Verachtung. Ein Enddreißiger war Herzog damals, und es gelang ihm unter unvorstellbaren Strapazen ein Meisterwerk über den tieferen Sinn schöner, leidenschaftlicher Vergeblichkeit. Für Klaus Kinski wurde der opernliebende Fitzcarraldo zur Rolle seines Lebens, an der Seite von Claudia Cardinale – nachdem Mick Jagger, Jason Robards und Mario Adorf entgeistert und entnervt vom Set geflüchtet waren: längst zur Legende geronnene Filmgeschichte.

Zwanzig Jahre später hat Herzog Kinski in seiner Dokumentation Mein liebster Feind ein Denkmal gesetzt, darin präsentierte er auch den einstigen Wahnsinn der Fitzcarraldo -Dreharbeiten. Schließlich erschienen 2004 die Notizen Herzogs aus jener Zeit, unter dem Titel Eroberung des Nutzlosen – im Film wurde Fitzcarraldo von Kautschukmillionären als "Eroberer des Nutzlosen" ironisiert. Aber Herzog kam immer noch nicht vom Dschungel los: Vor zwei Jahren las er an der Berliner Volksbühne aus diesen Notizen der Jahre 1979 bis 1981. In einer einmaligen Performance ließ er sich dabei von den musikalischen Arrangements seines bevorzugten Filmmusikers Ernst Reijseger begleiten; klassische Opernarien wurden verfremdet, ein Vokalensemble aus Sardinien modulierte die Klänge der Wildnis herbei.

Stefan Winter, der ebenfalls mitwirkte, hat diesen Abend jetzt als Hörbuch publiziert: ein Muss für alle Herzog-Fans. Es ist eine sonore, fast hypnotisierende Stimme, mit der sich der Regisseur an seine Schlacht im Urwald erinnert, an die Kämpfe mit Kinski, mit sich, der Kunst und der Natur, die hier wie in einem Terrence-Malick-Film die Hauptrolle spielt. Man hört ihm zu, wie er beim Vorlesen der Notizen die Welt von damals noch einmal erlebt: den Champagner, den er mit Kinski in dessen New Yorker Hotel trinkt, oder Mick Jagger, der sich in Smoking und Turnschuhen durch die Dunkelheit des nächtlichen Dschungels tastet. Vor allem sind es die Tiere, Käfer und Schmetterlinge, die Herzog damals immer wieder bestaunte: "weil ich nicht in mich sehen will", weiß der Regisseur, "in mir wütete eine Verlassenheit wie Termiten in einem gefallenen Baumstamm". Als die Geldgeber ihn fragten, ob er das filmische Wahnsinnsprojekt fortsetzen wolle, bejahte Herzog dennoch: "Sonst wäre ich jemand, der keine Träume mehr hätte, und ohne diese würde ich nicht leben wollen." Herzogs existenzieller Kampf in der Natur endet mit seinem Meisterwerk Fitzcarraldo; unterwegs dahin auf dem Fluss gibt es keine Zweifel: "Niemandem war klar, warum wir weiterfuhren, aber wir fuhren, weil wir fuhren.