Das Erste, was Jan Koum in seinem Münchner Hotelzimmer sieht, als er, vom Jetlag gepeinigt, aufwacht, ist eine Kakerlake. Die Uhr schlägt sechs, es ist Samstag, der 18. Januar, und der künftige Milliardär tippt in sein Handy: "Wechsele das Hotel in 3 .., 2 .., 1 ..": Dann drückt er auf "Senden".

Dienstreisen sind nichts für Jan Koum. Öffentliche Auftritte liegen ihm nicht, und reden mag er auch nicht viel. Jeder Satz beginnt mit einer winzigen Pause, als koste es ihn Kraft, und dazu klingt sein Englisch, als habe er einen Tischtennisball im Mund. Koum ist nicht in den USA geboren, er stammt aus der Ukraine, aber es liegt nicht allein an der Sprache: Koum ist ein Schweiger.

Nach Mountain View in Kalifornien kommt Koum mit seiner Mutter, da ist er 16 Jahre alt. Irgendwie schafft der Junge den College-Abschluss, bricht dann aber sein Mathematik- und Informatikstudium ab. Anschließend wartet er zehn Jahre lang Rechner für das Internetportal Yahoo, bis er sich 2009 mit einer Idee selbstständig macht: WhatsApp. Mit dem Programm kann man kostenlos Nachrichten von Handy zu Handy schicken. Es wird ein Welthit.

450 Millionen Menschen nutzen WhatsApp inzwischen, 30 Millionen alleine in Deutschland, obwohl "wir nie Werbung gemacht haben", sagt Koum. Hat er auch nicht nötig, glaubt er. "Sie können Menschen mit keinen Marketing-Dollar der Welt davon überzeugen, das schlechtere Produkt zu wählen." Sein Wahlspruch lautet "no games, no gimmicks" – keine Spielchen. So sieht er die Welt.

"Wir sind nicht an euren Daten interessiert. Gebt sie uns nicht"

Als Koum, 38, Ende Januar in München ist, um auf der Technologie-Konferenz DLD zu sprechen, ist er noch der Antistar aus San Francisco. Ein Börsengang ist mit ihm nicht zu machen, und während sich andere Internetfirmen riesige Zentralen bauen, hat die von WhatsApp nicht mal ein Firmenschild. Koum: "Ich weiß ja, wo ich arbeite." Auch auf die beliebteste Währung des Silicon Valley, die Daten der Nutzer, verzichtet WhatsApp weitgehend. Koum erklärt es im Gespräch so: "Google, Facebook, Yahoo und Twitter leben von Werbung, müssen also viele persönliche Daten ihrer Nutzer sammeln: was sie im Netz mögen, den Namen, das Alter, die E-Mail-Adresse, Vorlieben, die Fotos, was sie zum Lunch gegessen haben, die Such-Historie. Wir sind so ziemlich das genaue Gegenteil. Wir wollen nichts davon wissen, das brauchen wir nicht. Sobald eine Nachricht an Ihr Telefon geliefert ist, löschen wir sie. Wir werden sie los." Dass er seine Firma drei Wochen später an einen der größten Datensammler des Planeten, an Mark Zuckerberg, 29, und dessen Firma Facebook verkauft, ist einer der großen Brüche im Leben von Jan Koum.

Zuckerberg erzählt es im Nachhinein so: Er sei häufiger mit Koum spazieren gegangen, um sich über die Zukunft des Internets auszutauschen, bis er ihn Anfang Februar gefragt habe, ob er seine Firma verkaufen wolle. Koum habe versprochen, darüber nachzudenken, und sei Tage später, am Abend des Valentinstages, ins Dinner der Zuckerbergs geplatzt. Die beiden jungen Männer hätten dann über dem Nachtisch, in Schokolade getauchten Erdbeeren, den Deal ausgehandelt: 19 Milliarden Dollar, ein Teil in bar, das meiste in Facebook-Aktien. Koum bleibt Chef und rückt gleichzeitig in den Verwaltungsrat von Facebook ein. Seine Firma soll er eigenständig weiterführen und auch an seinem Geschäftsmodell festhalten. Einen Dollar verlangt WhatsApp pro Jahr von jedem Nutzer nach einer zwölfmonatigen, kostenlosen Probephase. Werbung gibt es nicht.

Natürlich sind das Absichtserklärungen, die Juristen arbeiten noch an den Verträgen, und die Wettbewerbshüter werden den Deal auch erst genehmigen müssen. Aber zumindest ist es plausibel, dass sich alle Beteiligten erst mal an das Gesagte halten, weil im Silicon Valley inzwischen die Überzeugung herrscht, dass man übernommene Firmen, die groß und erfolgreich sind, nicht unterjocht. Das nehmen die Nutzer übel, was wiederum die Unternehmensentwicklung und damit den Unternehmenswert gefährdet.

Würde Koum jetzt noch offen reden, würde er garantiert darauf beharren, dass sich WhatsApp weiterhin von Facebook unterscheidet. "Vom ersten Tag an wollten wir anders sein als die meisten anderen Firmen in der Tech-Welt", sagt er Ende Januar. Und auf die Frage, worin dieses Anderssein bestehe, erzählte Koum von seiner Jugend: "Ich habe kürzlich den Film Das Leben der Anderen gesehen, und dieser Film beschreibt ziemlich exakt, wie es im kommunistischen Russland gewesen ist, als ich dort aufgewachsen bin. Viele wurden abgehört. Selbst in der Schule musste man aufpassen, selbst wenn man nur einen simplen Witz über einen führenden Politiker gemacht hat. Insofern ist Überwachung etwas, was ich sehr ernst nehme. Persönlich." Deswegen sammele WhatsApp keine Daten. Koum sagt: "Stattdessen stellen wir die direkte Beziehung zu den Nutzern in den Mittelpunkt, und wir sagen ihnen: Wir sind nicht an euren Daten interessiert. Gebt sie uns nicht."