"Ich bin geboren in der Gemeinde Unverstand, in einem Jahre, welches man nicht zählte nach Christus", schrieb Jeremias Gotthelf in seinem Bauernspiegel, der eine der eindrücklichsten Schilderungen vom Verdingkindwesen in der Schweiz enthält: "Es war fast wie an einem Markttag. Man ging herum, betrachtete die Kinder von oben bis unten, die weinend oder verblüfft dastanden, betrachtete ihre Bündelchen und öffnete sie wohl auch und betastete die Kleidchen Stück für Stück; fragte nach, pries an, gerade wie an einem Markt."

Kinder als Arbeitsware, für die erst noch bezahlt wird: Das waren die Verdingkinder. Bei Mindersteigerungen – den Zuschlag erhielt, wer am wenigsten Kostgeld verlangte – war klar, dass die Kinder das mit noch härterer Arbeit bezahlen würden. Gotthelf hat das Verdingwesen als das erkannt, was es war: Kindersklavenhandel.

Den Kampf dagegen hat er nicht gewonnen. Über hundert Jahre später erschien in der Schweiz ein weiteres Buch über Verdingkinder, geschrieben von Kurt Held, dem Autor von Die rote Zora . Das Buch Matthias und seine Freunde kennt ein Happy End: Nachdem sich ein erster misshandelter Verdingbub in seiner Verzweiflung ertränkt hat, haben sich Kinder des Dorfes geschworen, auf den "Neuen" aufzupassen. Hilfe finden die Kinder am Schluss sogar beim Polizisten. Kurt Held war sich bewusst, dass ein solches Ende wenig realistisch war, weshalb er sein Buch als einen "Appell an die Jugend" bezeichnete.

"Das Volk", forderte der ehemalige Verdingbub Gotthard Haslimeier Mitte der 1950er-Jahre, "sollte sich dafür interessieren, wie die von ihm selbst bestellten Gemeindevorsteher, Vormünder, Fürsorger und Fürsorgekommissionsmitglieder, Anstaltsleiter, Polizisten und Amtmänner ihr Amt ausüben."

Stattdessen schauten alle weg. Die Hauptnutznießer waren die Gemeinden, die Kinder jährlich zu Zehntausenden möglichst billig versorgt haben wollten – sowie die Bauern.

Ich habe es deshalb meinem damaligen Nationalratskollegen Ruedi Baumann hoch angerechnet, dass er als Bauer die Geschichte der Verdingkinder aufarbeiten lassen wollte, und seinen Vorstoß mitunterzeichnet. Das ist nun über zehn Jahre her. Heute ist das Elend, in das viele Verdingkinder in der Schweiz gestoßen wurden, nicht zuletzt dank des Engagements früherer Verdingkinder, einer Wanderausstellung und des Films Der Verdingbub allgemein bekannt.

Möchte man jedenfalls meinen. Während Bund, Kantone und Kirchen einen Soforthilfefonds für Not leidende Opfer der Fremdplatzierung einrichten, verklärt der Schweizerische Bauernverband (SBV) die Vergangenheit. Der Verband habe nie eine aktive Rolle gespielt, nein, die Bauern seien lediglich "bereit gewesen, Verdingkinder aufzunehmen, um als Gegenleistung eine zusätzliche Hilfe auf dem Betrieb zu haben". Es war für den SBV also ein Akt der Nächstenliebe, weshalb er nicht im Traum daran denke, sich am Fonds zu beteiligen.

Der Entscheid der Verbandsmunis ist von einer Schäbigkeit, die einem den Atem stocken lässt. Er ist auch eine Schande für die 57.000 Bauernfamilien, die der SBV zu vertreten vorgibt. Die einzige mögliche Lesart dieses Entscheids ist nämlich: Die Empfänger von jährlich mehreren Milliarden Bundesgeldern sind unerträglich hartherzig.

Kurt Held hat einmal gesagt: Den Armen zu helfen mache einen nicht zum Kommunisten, das mache einen zum Menschen. Es ist diese Lektion in Menschlichkeit, die der Bauernverband zu seiner Schande und zum Schaden seiner Mitglieder nicht begriffen hat. Und das nicht im Jahr 1837, im Geburtsjahr der Gemeinde Unverstand, sondern im 21. Jahrhundert.