Wie eine fürsorgliche Mutter säuselt die Politik ihre Fantasien von "Inklusion" und "Teilhabe" in unsere Ohren. Wir werden akribisch verwaltet und mit Sozialprivilegien überhäuft. So bleiben die meisten von uns, ohne aufzumucken, in ihrer Opferecke. Schicksalsergeben, so kennt man Behinderte. Aber ich will kein Gnadenbrot und brauche keine freien Museumseintritte als Trostpflaster, sondern ich möchte weiter ernst genommen werden. Ich bin krank, aber nicht kopflos. Das ist der Grund für meine Bewerbung als Behinderte. Es ist ein Selbstversuch.

Nach einer Stunde ist das Vorstellungsgespräch vorbei. Man hütet sich vor offener Diskriminierung, das Gesetz verlangt es so: kein Wort zu meiner Behinderung, nicht der geringste Hinweis auf meine Krankheit und ihre Folgen. Ich verlasse den Raum, und niemand weiß, dass dies vermutlich meine letzte Arbeitsstelle wäre. Man sieht es mir nicht an, dass ich in zehn Jahren vielleicht nicht mehr laufen kann; nur noch sabbere; mein Lungenmuskel nicht mehr kontrahiert; dass ich drei Kinder hinterlasse. Das vorgeschriebene Schweigen schützt mich, und doch kommen mir Zweifel am Verfahren: Warum sollte mich jemand einstellen, wenn er nur erahnen darf, welches Schicksal hinter mir lauert? Meinem potenziellen Arbeitgeber bleiben nur Spekulationen, er kauft die Katze im Sack. Warum sollte er das tun?

Das zeigt, wie nutzlos die verordnete Chancengleichheit ist. Ein zweckloser Gummiparagraf, der mich ins Auswahlverfahren reindrückt, mir aber keinen Job bringt, selbst bei höchster Qualifikation nicht.

Das Risiko ist zu hoch, der gute Wille zu schwach, und der mutige Chef fehlt zu oft. So übergehen Arbeitgeber Behinderte weiter. Sie laden pro forma zu Vorstellungsgesprächen, weil das Gesetz sie zwingt, und kaufen sich dann doch lieber frei – die Ausgleichsabgabe in Deutschland macht es möglich (siehe Kasten). Doch wovor haben sie Angst? Vor den zusätzlichen Kosten für die barrierefreie Toilette, den behindertentauglichen Arbeitsplatz? Fürchten sie die Unkündbarkeit oder die fünf zusätzlichen Urlaubstage, die vollzeitbeschäftigten Behinderten zustehen? Das alles sind viel zitierte Entschuldigungen – doch sie sind alle irrational. Die Kosten werden durch die Integrationsämter oder Reha-Träger gedeckt, und Kündigungsschutz genießt zum Beispiel auch das Betriebsratsmitglied. Am Ende bleibt eine Woche mehr Urlaub.

Bei der Porsche AG, dem deutschen Vorzeigebetrieb schlechthin, pflegt man bewusst eine hohe Behindertenquote; man übersteigt die gesetzliche Pflicht von fünf Prozent und spricht auch schon mal von positiver Diskriminierung. "Wenn wir für die 150 Ausbildungsplätze im Jahr 7.000 Bewerbungen bekommen, dann schauen wir uns jeden der behinderten Bewerber wohlwollend an. Die haben in dieser Masse tatsächlich einen enormen Vorteil", sagt Manfred Buck, Vertrauensperson der Schwerbehinderten im Unternehmen. Aber was ist mit Leitungspositionen, mit Führungskräften, rekrutiert man hier auch Behinderte? Manfred Buck überlegt eine Weile, dann muss er verneinen. Ausbildung ja, Abteilungsleiter nein. Warum das so ist, will oder kann Buck nicht beantworten. Die Firmen schweigen, auch weil sie schlechte Publicity fürchten. Die gefühlte Wahrheit aber ist: Vorurteile, Stigmatisierung, Diskriminierung killen unsere Jobs. Und je höher der Posten, desto massiver.

Doch was, wenn ich uns überschätze? Sind Behinderte vielleicht doch leistungsschwächer, häufiger krank und stören die Kollegen? Selbstzweifel sind unsere Spezialität, oft eintrainiert von klein auf. "Nein, in der Praxis gibt es keinen Leistungsunterschied", beruhigt Manfred Buck von der Porsche AG. "Wir haben beispielsweise einen Rollstuhlfahrer eingestellt, der vorher rund 900 Bewerbungen geschrieben hatte – ohne Erfolg. Er ist heute bei uns als volle Arbeitskraft und begeistert seine Kollegen auch mit seinem trockenen Humor."

Klar, Behinderte erzählen die besten Witze, mit der Idiotenrolle kennen sie sich aus. Wie mein Kollege Jan Kampmann, auch Journalist. "Die Leute sind ganz aus dem Häuschen, wenn die merken, dass ich lesen und schreiben kann, obwohl ich im Rollstuhl sitze." Kampmann lacht über diesen Blödsinn. Er lächelt auch, wenn ihn wildfremde Frauen bemuttern wollen. Jan Kampmann ist dickhäutig, und er hat einfach weitergemacht nach seinem Unfall in der siebten Klasse. Er ist in seine alte Schule gerollt, hat Basketball in der U-22-Nationalmannschaft gespielt, in Birmingham seinen Master gemacht und als Sportreporter von den Paralympic Games in London berichtet. "Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich das alles nicht hätte machen sollen, das hat mich vielleicht so weit gebracht", sagt er. Diesmal lächelt er nicht.

Jan Kampmanns berufliche Karriere ist eine Ausnahme. Und doch sind Menschen wie er nicht alleine. Die meisten verheimlichen – wenn sie können – ihr Handicap im Arbeitsleben. Sie bleiben unentdeckt mit einer Epilepsie, mit Krebs oder wie ich bisher mit meiner ALS-Erkrankung. Hauptsache, die Hülle stimmt. Damit kann man jeden Personalchef täuschen. Dass darunter die Muskeln zittern und die kaputten Nervenzellen alles lahmlegen, muss keiner wissen.

Es ist die Arroganz der Gesunden, ihre Besessenheit vom potenten Leistungsträger, die uns zu verlogenen und feigen Kollegen macht. Dabei müssten wir spotten, denn Krankheit kann jeden treffen, aber das ist ein plattes Argument. Seit einem Jahr verstecke ich meine Hand – doch die Krankheit werde ich damit nicht aufhalten können. Ich muss dazu stehen.

Wochen später endet mein erstes Bewerbungsverfahren als Behinderte mit einer Absage. Für ein persönliches Gespräch haben die Verantwortlichen keine Zeit; nur schriftlich erhalte ich eine Antwort: Nein, man habe noch nie einen behinderten Kollegen in der Politikredaktion eingestellt. Nach mehreren Anläufen ringt sich schließlich die Gleichstellungsbeauftragte zu einem Statement am Telefon durch: "Sie haben bei uns einen sehr guten Eindruck hinterlassen, aber wir müssen ja auch an die Zukunft denken, deshalb habe ich gegen Sie gestimmt, wie alle anderen auch."

Anmerkung der Redaktion, 25. März 2014: Im Ursprungstext stand fälschlich "Prozent" hinter dem Grad der Behinderung. Wir haben das korrigiert.