Deutschland hat wieder einen Bundespräsidenten. Einen, der dieses Amt ausfüllt. Und anders als seine vier Vorgänger muss sich Joachim Gauck auch nicht hinter Richard von Weizsäcker verstecken.

Wie kein anderer Bundespräsident seit Weizsäcker hat Gauck die Geschichte der Deutschen im Blick, ihren tiefen Fall während des Nationalsozialismus, aber auch ihre erfolgreiche Entwicklung seither. Gauck formuliert Sätze zu Deutschland, die plausibel klingen und in denen doch ein ungewohnter Ton mitschwingt. Er wünscht sich "eine ernsthafte Rezeption, was uns gelungen ist, und nicht nur eine ernsthafte Erinnerung, was unseren Vorfahren nicht gelungen ist". Ohne zu vergessen und zu verdrängen, will er den Deutschen ihre erfolgreiche Entwicklung der letzten Jahrzehnte vor Augen führen und ihr Selbstbewusstsein aus dem Bann der dunklen Jahre befreien. "Wenn wir die Situation dieses Landes, seine Verfasstheit und demokratische Glaubwürdigkeit vergleichen mit anderen Ländern in Europa und in der Welt, kann ich kein Defizit erkennen", sagt Gauck. Mit Geschichtsrevisionismus hat das nichts zu tun.

Kein deutscher Repräsentant fährt so häufig wie Joachim Gauck an die Orte deutscher Verbrechen, um dort zu trauern. In seiner gerade zweijährigen Amtszeit besuchte er Oradour in Frankreich, Lidice in Tschechien, Sant’Anna di Stazzema in Italien, wo deutsche SS-Leute und Wehrmachtsangehörige während des Zweiten Weltkriegs wüteten. Diese Woche besuchte er Lyngiades in Griechenland. Gauck betreibt Vergangenheitsbewältigung ohne Schuldkomplex.

Die internationale Verantwortung, die sich für das Land aus der positiven Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ergibt, hat der Präsident gerade auf der Sicherheitskonferenz in München skizziert. "Die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen", sagte Gauck da. Das Verstecken müsse ein Ende haben. Es war die bislang politischste und wichtigste Rede seiner Amtszeit. Neben den vielen aktiven Politikern in München war Gauck der Einzige, der qua Amt mit operativer Politik nichts zu tun hat. Und doch beherrschte sein Appell ans deutsche Verantwortungsbewusstsein die Schlagzeilen.

Souverän hat er sich in den vergangenen zwei Jahren im Amt etabliert. Dass sein Vorgänger Christian Wulff in diesen Tagen vom Vorwurf der Vorteilsnahme freigesprochen wurde, hat nirgends die Vorstellung belebt, ohne die Anklage von damals könne er noch Bundespräsident sein. Zu selbstverständlich ist Joachim Gauck heute der Mann im höchsten Staatsamt.

Und das nicht nur wegen seiner Reden. Sein präsidiales Talent entfaltet sich mindestens so sehr in den alltäglichen Episoden des Amtes. Wenn er nach einem Termin mit Schülern in der Berliner Holocaust-Gedenkstätte die bedrückte Stimmung bricht und die Jugendlichen daran erinnert, sie seien ja in dem Alter, in dem man über die Stränge schlage, und das dürften sie sich auch von niemandem verbieten lassen. Oder kürzlich beim Empfang für die deutsche Olympiamannschaft, die mit ihrer eher durchwachsenen Bilanz aus Sotschi von einem launig-strahlenden Bundespräsidenten in München begrüßt wird. Es wäre bequem für das Staatsoberhaupt über die sportliche Enttäuschung hinwegzureden. Stattdessen erklärt Gauck unumwunden, er sei nun mal "nicht nur Präsident der Sieger und Goldmedaillen-Gewinner, sondern auch Präsident der Pechvögel und Verlierer". Mit seiner Empathie und einem Humor, der die weihevolle Aura präsidialer Auftritte konterkariert, kann Gauck auch schwierige Situationen verwandeln. Fast spielend gelingt es ihm, die Kluft zu überbrücken, die die Präsenz eines Staatsoberhauptes fast zwangsläufig erzeugt. Joachim Gauck ist ein unverstellter Präsident. Und davon haben beide Seiten etwas, das Volk und er selbst.

Im ersten Jahr seiner Präsidentschaft hat Gauck immer wieder die Befürchtung geäußert, sich im Amt zu entfremden. Die Vorstellung einer unguten Konfrontation des Bürgers Gauck mit den Zwängen und Erwartungen des Amtes hatte schon leicht obsessive Züge. Die Erfahrung, als Präsident schon mit ein paar harmlos-offenen Worten einen enormen Wirbel zu entfachen, ging ihm auf die Nerven, ja es empörte ihn, dass nun von ihm erwartet wurde, jedes Wort auf seine Folgen hin zu kontrollieren. Mal wurde seine Aufforderung an Angela Merkel, sie könne doch ihre Europapolitik ein bisschen besser erklären, als Affront gegenüber der Kanzlerin gewertet, mal landete eine laxe Bemerkung über rechtsradikale "Spinner" vor dem Bundesverfassungsgericht. Und immer wieder hat man Joachim Gauck tapfer beteuern hören, sich im Amt nicht verbiegen lassen zu wollen.