DIE ZEIT: Herr Wolle, wie groß war im Herbst 1989 in der DDR die Gefahr, dass die Führung auf die friedlichen Proteste mit Gewalt reagiert – Gewalt, wie wir sie in Kiew gerade wieder erlebt haben?

Stefan Wolle: Es gab 1989 blanke Gewalt, Prügel für Demonstranten, psychischen wie physischen Terror durch die Stasi. Aber es gab vermutlich nie die Gefahr eines Blutbades wie desjenigen, das wir gerade in Kiew gesehen haben. Viele Ostdeutsche fühlen sich von dem, was in der Ukraine geschieht, extrem an die Revolution in der DDR erinnert. Aber solch eine Eskalation war damals nicht vorstellbar. Ich bin beeindruckt, wie sehr die Menschen in der Ukraine bereit waren und sind, für den Systemwechsel ihr Leben zu riskieren. Die ließen sich nicht mal von Scharfschützen abschrecken. Ich frage mich, ob wir in der DDR auch so mutig waren.

ZEIT: Warum?

Wolle: Lassen Sie mich noch einmal als Bürger antworten, nicht nur als Historiker: Ich war 1989 selbst in Berlin, ich stand bei den Demonstrationen im Getümmel. Wenn die Sicherheitskräfte geschossen hätten, wäre ich sofort nach Hause gefahren – so hatte ich es meiner Frau versprochen.

ZEIT: Die DDR-Bürger wussten 1989, dass Chinas Führung ein paar Monate vorher den Volksaufstand auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens hatte niedermetzeln lassen ...

Wolle: ... ja, und die Bilder dieses Blutbades hat das DDR-Fernsehen wieder und wieder ausgestrahlt. Das war eine Drohung, das hat auch Angst gemacht. Zugleich ahnten wir jedoch, dass solche Gewalt in Deutschland nicht mehr in die Zeit passte: Panzer, die in Leipzig auf die Leute schießen? Unvorstellbar! Wir lebten nicht im Jahr 1953. Wir trauten der SED solche Exzesse nicht mehr zu. Dazu war sie schon viel zu geschwächt; die Funktionäre von Staat und Partei waren schon kleinlaut geworden. Gorbatschows Öffnungspolitik, Perestroika und Glasnost, hatte sie verunsichert. Brutale Gewalt anzuwenden ohne Rückendeckung aus Moskau – man ahnte schon, die würden das nicht wagen.

ZEIT: Noch bis Anfang Oktober 1989 gingen Sicherheitskräfte, etwa in Leipzig, brutal gegen die Demonstranten vor.

Wolle: Ja, bis zum 9. Oktober waren die Dinge in der Schwebe. Die Staatsmacht prügelte, wie sie es sich danach nicht mehr traute. Aber ein Schuss fiel nie. Rein technisch wäre die SED-Führung in der Lage gewesen, die Proteste zu sprengen. Es war ja selten in der Geschichte ein Staat bis an die Zähne hochgerüstet wie die DDR. Aber selbst wenn die Sicherheitskräfte am 9. Oktober noch vorgehabt haben sollten, die Menschen einzukesseln – nun war es zu spät. Es waren Tausende Polizisten in Leipzig, aber die waren entsetzt, als sie die Masse der Leute sahen, die plötzlich auf der Straße standen. 70.000!

ZEIT: Die SED-Führung hatte sich verkalkuliert.

Wolle: Genau. Die Taktik der Partei lautete am Ende ohnehin eher: der Volksbewegung schnell viele Zugeständnisse machen, in der Hoffnung, so selbst zu überleben. Egon Krenz wollte sich als Modernisierer inszenieren. Als deutscher Gorbatschow. Daher ließ er nicht schießen. Er hat aber sicherlich nicht gedacht, dass die DDR untergehen würde.

ZEIT: Was unterscheidet einen Viktor Janukowitsch heute von einem Egon Krenz damals?

Wolle: Janukowitsch hatte keine Skrupel, sein Volk anzugreifen. Krenz war dagegen ein Verwaltungsbeamter, den dieser ganze Umbruch überfordert hat. Zum Glück.