1914, 2014 – Seite 1

Zweifellos ist Russland im Jahre 2014 von ähnlichen Einkreisungsängsten geplagt wie Deutschland im Jahre 1914. Für die Analogiebildung spielt es keine Rolle, ob diese Einkreisungsvorstellungen angemessen sind oder nicht; relevant ist zunächst nur, dass die politische Führung unter ihrem Eindruck handelt. Immerhin – seit dem Zerfall des Sowjetimperiums sind die USA und die Nato geostrategisch immer näher an Russland herangerückt. Wo bis 1991 Sowjetunion war, ist heute ein Glacis des Westens.

Wie das kaiserliche Deutschland vor 1914 fühlt sich Russland nicht hinreichend respektiert und anerkannt: Eben noch hat man sich in der Bearbeitung der Nuklearbewaffnung des Irans und in der Behandlung der Syrienfrage als ein gleichgewichtiger Akteur erfahren. Und dann hat der Umsturz in der Ukraine dazu geführt, dass man um den ungehinderten Zugang zum Schwarzen Meer fürchten muss. Niedergangsängste kommen zu den Einkreisungsvorstellungen dazu: Russland fürchtet um seine zukünftige Rolle als weltpolitischer Akteur. Das war 1914 nun wiederum bei Österreich-Ungarn ganz ähnlich. Es gab in den politisch-militärischen Eliten der Donaumonarchie starke Kräfte, die auf einen militärisch angelegten Befreiungsschlag drängten. Aus dem Gefühl heraus, in die Defensive geraten zu sein, entschloss man sich zu einem militärisch offensiven Agieren. Das dürfte beim jüngsten Agieren der Russen ganz ähnlich sein: Wie Österreich-Ungarn vor 1914 hat man eine Reihe von Rückschlägen und Demütigungen hinnehmen müssen. Damit soll jetzt Schluss sein – und zwar so, dass es alle verstehen.

Die Entscheidung Wiens im Sommer 1914 für einen, wie man meinte, begrenzten Krieg gegen Serbien war eine politisch falsche und im Ergebnis verhängnisvolle Entscheidung; verhängnisvoll war sie, weil der Krieg, den man begann, nicht der kleine Bestrafungskrieg gegen Serbien blieb, sondern binnen weniger Tage zum großen Krieg in Europa wurde; politisch falsch war sie, weil im Ergebnis dieses Krieges Österreich-Ungarn nicht gestärkt wurde, sondern von der politischen Landkarte verschwand. Die beruhigende Schlussfolgerung aus der Analogie lautet, dass es heute keine vergleichbaren Bündnisstrukturen und Eskalationsmechanismen gibt wie jene, die 1914 einen lokalen Konflikt zum großen europäischen Krieg eskaliert haben. Die beunruhigende Beobachtung läuft jedoch darauf hinaus, dass die als Gegenmaßnahmen zum militärischen Agieren der Russen in der Ukraine zu erwartenden Wirtschaftssanktionen des Westens zur sozialen und schließlich politischen Destabilisierung Russlands führen könnten, in deren Folge dann weitere Räume der Unordnung, der Armut und der Verzweiflung entstünden. Was aus dem Zerfall des Osmanischen Reichs und der Donaumonarchie nach Kriegsende hervorgegangen ist, war alles andere als eine stabile Staatenordnung. Das hat sich in den 1990er Jahren beim Zerfall der Sowjetunion wiederholt. Die Probleme, denen sich Europa an seinen Rändern ausgesetzt sieht, würden sich beim Zerfall Russlands dramatisch vermehren und vergrößern.

Eine aufschlussreiche Analogie ist die der postimperialen Räume. Damit sind Gebiete gemeint, in denen unterschiedliche Nationen und Religionen zusammenleben. War dieses Zusammenleben in der Zeit des Imperiums einigermaßen friedlich, weil keiner Ethnie oder Konfession größere politische Mitwirkungsrechte zukamen, sondern alle wichtigen Fragen vom imperialen Zentrum entschieden wurden, so treten in postimperialen Räumen die ethnischen und religiösen Gegensätze in aller Schärfe hervor. Aus einem friedlichen Zusammenleben werden soziale und politische Konflikte, wie das zurzeit auch im Fall der Ukraine zu beobachten ist. Der Versuch einer integrativen Nationalstaatsbildung ist in postimperialen Räumen fast immer zum Scheitern verurteilt. Die Geschichte Jugoslawiens ist ein Beispiel dafür; die Geschichte der Ukraine dürfte ein weiteres werden. Der Mangel an "nationalen" Gemeinsamkeiten führt dazu, dass es keine starke Vorstellung vom Nutzen des Zusammenhalts gibt. Was aus dem Zerfall dann hervorgeht, sind Kleinstaaten, die wirtschaftlich nicht lebensfähig, dafür aber notorisch aggressiv und gleichzeitig von mächtigen Nachbarn abhängig sind. Fast immer sind postimperiale Räume solche der Armut und der Gewalt. Die beruhigende Wirkung des Wohlstands kommt hier nicht zur Entfaltung. Die Teilungsperspektive mag eine kurzfristig pazifizierende Lösung anbieten; ihre mittelfristigen Folgen sind, wenn man denn die Analogie des Balkans akzeptiert, jedoch wenig überzeugend. Hat man mit einer Politik der Teilung und Trennung erst einmal begonnen, kann keiner sagen, wo sie zu enden hat und was die kleinste akzeptable politische Einheit ist. Vor allem ist dann ein Präzedenzfall geschaffen, an dem sich andere orientieren können und wohl auch werden. Der Preis einer kurzfristigen Lösung des Problems durch territoriale Teilung kann sich längerfristig als sehr hoch erweisen. Postimperiale Räume sind vor allem darum ein Problem, weil jede mögliche Lösung mit hohen Kosten und unabschätzbaren Risiken verbunden ist. Für die aus dem Untergang des Osmanischen Reichs hervorgegangenen postimperialen Räume des Nahen und Mittleren Ostens gibt es bis heute keine befriedigende Lösung.

Hält der Westen seine Sicherheitsgarantie für die Ukraine ein?

Ein anderer Präzedenzfall könne noch folgenreicher sein: Die Ukraine hatte Mitte der 1990er Jahre in den Verzicht auf Nuklearwaffen eingewilligt und die ihr aus der Konkursmasse des Sowjetimperiums zugefallenen Atomwaffen abgegeben. Die dahinterstehende Idee war, dass die Zahl der Nuklearmächte infolge des Zerfalls der Sowjetunion nicht weiter wachsen sollte. Im Gegenzug dafür haben Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine die Sicherung ihrer territorialen Integrität zugesagt. Die nukleare Selbstentwaffnung der Ukraine wurde mit Sicherheitsgarantien entgolten. Wenn sich diese Zusagen nun als wertlos erweisen, wird die politische Attraktivität von Nuklearwaffen deutlich steigen. Die Welt wäre dann von der Chance zur Verminderung von Atomwaffen und einer Verringerung der Anzahl der Atommächte ein großes Stück weiter entfernt. Auch in dieser Frage gibt es Analogien zu 1914 – sicherlich nicht in der Frage von Atombomben, aber sehr wohl im Hinblick auf die Verlässlichkeit von Garantiemächten: Großbritannien zog mit der Begründung in den Krieg, es habe sich zur Sicherung der belgischen Neutralität verpflichtet, und diese Neutralität war von den Deutschen verletzt worden. Die britische Entscheidung hat den europäischen Krieg zum Weltkrieg gemacht. Die Einlösung der Garantie wurde 1914 zu einem weiteren Eskalationsschritt des Krieges; die Missachtung der Garantieversprechen könnte 2014 zum Glaubwürdigkeitsverlust der Weltordnungsprinzipien führen.

Was bei nahezu allen Analogiebildungen der Fall ist, zeigt sich auch hier: Es gibt keine klaren Muster, die jeweiligen Mächteanalogien wechseln, es gibt keine Geschichten, die durchgängig bis zum Ende erzählt werden können. Eigentlich lässt sich fast alles begründen und ableiten. Was die Analogie aber herausarbeiten kann, sind Ähnlichkeiten in den Konstellationen und mögliche Szenarien des Handelns und Gegenhandelns. In dieser Hinsicht sind Analogien als Orientierungsmuster unverzichtbar. Aber sie sind bloß Orientierungsmuster und keine Wegweiser. Wer das miteinander verwechselt, geht schon in die Irre.