Die Fastenzeit hat begonnen, und jeder zehnte Deutsche macht mit (das behaupten Meinungsforscher). An die übrigen neunzig Prozent ergeht hiermit der Aufruf: Helft den Fastenden!

Führt sie vor allem nicht in Versuchung, denn das ist gemein.

Ich bin mir da übrigens mal wieder mit Goethe einig. In der Italienischen Reise schildert er indigniert das Verhalten einer Dame, die sich während eines Festes über Fastende lustig machte: "Die ganze Zeit war den geistlichen Herren von dem Mutwillen meiner Nachbarin keine Ruhe gegönnt, besonders gaben ihr die zur Fastenzeit in Fleischgestalt verwandelten Fische unerschöpflichen Anlaß, gott- und sittenlose Bemerkungen anzubringen, besonders aber auch die Fleischeslust hervorzuheben und zu billigen, daß man sich wenigstens an der Form ergötze, wenn auch das Wesen verboten sei."

So etwas tut man nicht. Ich bin beispielsweise mit einem katholischen Weinhändler befreundet, der zwischen Aschermittwoch und Ostern an sich hält, und selbstverständlich proste ich ihm nicht ironisch zu. Er wiederum nötigt mir seine zeitweilige Abstinenz nicht auf, und zwar weil er mein Freund ist, nicht etwa aus Geschäftsinteresse. Die Fastenzeit ist eine willkommene Gelegenheit, Zartgefühl einzuüben.

Obwohl der gute Wille hin und wieder strapaziert wird. Was am postmodernen Fasten liegt. Im Grunde macht da auch schon wieder jeder, was er will, es grenzt an Libertinage. Die einen verzichten auf Alkohol, die anderen auf Süßes oder auf Fleisch, auf Zigaretten, Twitter, Sex. Niemand freilich auf Arbeit.

Aber da wollen wir uns nicht einmischen. Bleiben wir solidarisch mit den Fastenden, sie haben es ja schwer. Besonders jene, die sich selbst bestrafen wollen, weil sie es am Rosenmontag oder überhaupt das ganze Leben über zu toll getrieben haben. Andere fasten, weil sie sich und der Welt beweisen müssen, dass sie ihre Triebe beherrschen. Bestrafen, beherrschen – das ist alles nicht lustig. Diese Mitmenschen brauchen Beistand. Die katholische Kirche in Österreich weiß das und bietet an, während der Fastenzeit täglich eine SMS mit Zitaten des Papstes zu versenden (dafür müssen Sie nur eine SMS mit dem Kennwort "PAPST" an die Mobilfunknummer +43 664 660 6651 verschicken).

Wir sollten den Fastenden auch helfen, um unser eigenes Minderwertigkeitsgefühl zu lindern. Denn machen wir uns nichts vor: Sie haben ein Projekt, wo wir keines haben. Fasten ist etwas, Nichtfasten ist nichts. Während bei uns alles wie eh und je bleibt, verzichten sie – und gewinnen. Sie führen immerhin einen Test auf ihre Willenskraft durch. Sie kritisieren die eigenen Konsumgewohnheiten, wählen Überflüssiges ab: Das sind alles gute Gründe, und da haben wir noch nicht vom Körpergewicht gesprochen. Es gibt auch Leute, die sich vom Fasten ein religiöses Hochgefühl erhoffen. Das ist mindestens interessant, und wer neugierig genug ist, mit ihnen darüber zu sprechen, kann nur dazulernen über diese bunte Welt. Ich werde nie vergessen, wie mir ein Freund in Algier vom Ramadan vorgeschwärmt hat, ich war beinahe versucht, mitzumachen. Beinahe. Vielleicht, weil sein Fasten eher eine Übung in Unausgewogenheit war: tagsüber ackern, schwitzen, kein Wasser, nichts zu essen, aber dann die Nacht durchvöllern. Danke, verzichte.

Aber wir dürfen uns auch wehren. Jenen, die für ihr Fasten Bewunderung erheischen, antworten wir mit der Bergpredigt: "Sie haben ihren Lohn bereits erhalten", sie brauchen also keinen mehr von uns. Und wir müssen uns auch nicht nachsagen lassen, die "innere Reinigung" zu unterlassen, die das Fasten angeblich bedeutet. Da wird nichts gereinigt. Innere Reinigung geht anders, fragen Sie mal einen Arzt danach.

Impertinent ist übrigens das Argument "Man muss ja nicht immer Alkohol trinken". Es unterstellt, dass unsereins, der nicht fastet, immer Alkohol trinken muss. Das Argument ist ungefähr so gut wie "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Ein Freund von mir entgegnete darauf einmal mit "Ja, aber nicht besoffen". Eine tiefe Weisheit. Man sollte sie per SMS verschicken.