In der von uns hellauf bewunderten FAZ sorgt gerade ein Artikel von Christian Hillgruber für viel Wirbel. Der Bonner Rechtsprofessor fordert darin, jeder deutsche Bürger müsse die äußere Freiheit haben, sein "gesamtes Verhalten an der eigenen moralischen oder religiösen Überzeugung auszurichten und dieser Überzeugung gemäß in der Öffentlichkeit zu handeln". Positiv erwähnt Professor Hillgruber einen englischen Hotelier, der sich aus religiösen Gründen weigerte, einem homosexuellen Paar ein Zimmer zu vermieten. Lesern von Fremdzeitungen lässt Hillgrubers Forderung, jeder Mensch müsse seine Überzeugungen handlungswirksam zur Geltung bringen, keine Ruhe. Friedolin F. aus Körbecke am Möhnesee schreibt: "Ich hasse Geländewagen, sie haben in Gottes freier Natur nichts verloren. Darf ich mich auf Professor Hillgruber berufen und Geländewagen die Luft aus dem Reifen lassen?" Auch Wotan W. aus dem zutraulichen Bayreuth meldet sich zu Wort: "Ich bekomme von der ARD-Tagesschau regelmäßig Herzrasen. Ständig meckert der Nachrichtensprecher an reichen Menschen rum und zwingt mich zum Nachdenken. Ich bin aber kein Philosoph. Peter Sloterdjik wäre mir als Nachrichtensprecher viel lieber. Darf ich ARD-Journalisten mit faulen Freiland-Eiern bewerfen?" Liebe Leser, wie Sie vielleicht wissen, leben wir immer noch in einer freiheitlichen Demokratie. Grundsätzlich gilt: Auch SUV-Fahrer sind Menschen. Sie haben ein Recht auf Fortbewegung, während Atheisten kein Recht haben, Weihwasserbecken auszuschütten, nur weil sie nicht an den lieben Gott glauben. Umgekehrt muss ein Priester auf dem päpstlichen Dienstmoped auch dann anhalten, wenn Ungläubige den Zebrastreifen überqueren und dabei an den Teufel denken. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine ARD-Sendung den Zuschauer intellektuell überfordert, reicht es völlig, wenn dieser seinen Fernseher vorsichtig aus dem Fenster wirft. Das Toleranzgebot gilt übrigens auch für Professoren, die zum Kulturkampf aufrufen. Wir sollten ihnen mit ausgesuchter Höflichkeit begegnen und ihnen im Kampf ums kalte Buffet stets Vortritt gewähren, damit sie das Filetstück als Erste bekommen und so ihrer inneren Überzeugung tätig Ausdruck verleihen können. Weigern sich Kulturkampfprofessoren, uns ein Zimmer zu vermieten, dann danken wir ihnen von Herzen und freuen uns, dass in einer freien Gesellschaft sowohl Reiche wie Arme das Recht haben, unter Brücken zu schlafen. Stellt euch vor: Im niedlichen Bonn ist großer Kulturkampf und keiner geht hin!

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