Es bleibt doch alles in der Familie – Seite 1

Tom Hagen, Top-Korrespondent einer Hamburger Zeitschrift und als Kriegs- und Krisenreporter furchtlos bis in die Knochen, hat, wie es wohl einmal kommen musste, den Bogen überspannt. In Afghanistan spürt er einem undurchsichtigen Kidnapping nach, und in seiner Gier, die Story exklusiv zu haben, überschreitet er die dünne Linie, die den Berichterstatter vom Akteur trennt. Im Auge des Sturms, der sich zusammenzieht, steht eine Szene von täuschender Ruhe, in der Hagen mit einem erstaunlich kultivierten Vertreter der Taliban verhandelt – und der Leser ahnt, dass die Dinge seiner Kontrolle zu entgleiten beginnen: dramaturgisches Glanzstück eines schnell getakteten Präludiums von rund hundert Seiten, das ohne weiteres als Abenteuer für sich selbst bestehen könnte und doch bloß die Aufgabe hat, den Leser vorzubereiten und in Stimmung zu versetzen für ein Werk von rund zehnfachem Umfang, Frank Schätzings neuen Roman Breaking News.

Hagen verschuldet den Tod von vier Menschen. Er verliert alles, sein Renommee, sein Einkommen, seine Selbstachtung. Die eigentliche Handlung setzt mehrere Jahre später ein, 2011; er arbeitet nunmehr als Freelancer für ein drittklassiges Internet-Magazin und erleidet Abstürze an den Hotelbars des Nahen Ostens. Aber ein alter Kumpel, den er seit Afghanistan nicht mehr gesehen hat, kann ihm vielleicht einen echten Knüller verschaffen. Dazu müssen sie nach Israel.

An diesem Punkt öffnet sich der Thriller zu einer Familiensaga des jüdischen Staats. Darin liegt die Besonderheit des hochambitionierten Buchs: wie es diese beiden Genres zusammenführt und in zahlreichen Rückblenden die Siedlungsgeschichte des Gelobten Landes etwa bis zum Jahr 1930 zurückverfolgt. Damals schon hat der Konflikt Gestalt gewonnen, der ungelöst bis in die Gegenwart andauert: Die einwandernden Juden stoßen auf die alteingesessenen Araber, die fürchten, aus ihrem Land verdrängt zu werden. Eine ohnmächtige britische Mandatsverwaltung, die geglaubt hatte, es ganz schlau zu machen, indem sie in der Balfour Declaration beiden Seiten recht gab, schafft es nicht, die wechselseitigen Attentate und Schlächtereien zu unterbinden. Inmitten dieser angespannten Lage erlebt der Leser die Kinderfreundschaft der Zwillingsbrüder Yehuda und Benjamin mit dem schmollenden Arik, der Blumen köpft, weil ihn die anderen Kinder nicht mitspielen lassen – Arik Scheinermann, der dann im Unabhängigkeitskrieg 1948, kaum zwanzig Jahre alt, einen Stoßtrupp anführt, der im feindlichen Feuer zugrunde geht. Aber Scheinermann hat gezeigt, was in ihm steckt, und David Ben-Gurion höchstpersönlich, legendärer Gründungspräsident, verleiht ihm seinen neuen Ehrennamen, von dem noch viel zu hören sein wird: Ariel Scharon. Damit bekommt der Roman sein zweites figürliches Zentrum, und beide Handlungsstränge laufen, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, episch der eine, dramatisch der andere, nebeneinander her, organisieren wirkungsvoll den Rhythmus des Leseflusses und halten die Neugier wach, wie sie sich wohl schließlich verflechten werden. Denn das müssen sie, darin besteht das implizite Versprechen des Buchs.

Das ist mit großem erzählökonomischem Geschick eingefädelt und trägt über annähernd tausend Seiten. Frank Schätzing, der sich dieses aktionsreiche Breitwand-Format ausgedacht hat, geht dabei auch selbst erhebliche Risiken ein. Denn nicht nur kann man sich an diesem Stoff generell gewaltig die Finger verbrennen, speziell dann, wenn man sich für eine Mischung aus Fakten und Fiktionen entschließt, deren Grenze nicht immer völlig klar verläuft. Mit Scharon hat er sich dazu auch noch die kontroverseste Figur der israelischen Geschichte ausgesucht: Scharon, loyal und brutal, persönlich tapfer und starrsinnig bis zur Insubordination; Scharon, der bei Maßnahmen zur Terror-Bekämpfung seinerseits Dutzende palästinensische Zivilisten in ihren Dörfern mit Handgranaten erledigt, sodass es selbst seinem Mentor Ben-Gurion zu viel wird; Scharon, dem eine israelische Untersuchungskommission bescheinigt, beim Einmarsch im Libanon 1982 persönliche Verantwortung für das Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Shatila zu tragen, in die er die mörderischen Christenmilizen einlässt; Scharon aber auch, der als Ministerpräsident den einseitigen Abzug Israels aus dem Gazastreifen durchsetzt und ankündigt, das Westjordanland gleichfalls zu räumen – es streckt ihn dann ein Schlaganfall nieder und bereitet seiner neuen Politik des Ausgleichs ein jähes Ende. Nichts davon unterschlägt oder beschönigt das Buch. (Erst vor einigen Wochen ist Scharon, ohne aus dem Koma erwacht zu sein, mit knapp 86 Jahren verstorben.) Wer sich Scharon zum Protagonisten wählt, der sollte sich auf Hiebe von beiden Seiten gefasst machen, weil die einen ihn als Verleumder und die anderen als Verharmloser bezichtigen werden.

Der Leser kommt bei den immer rascheren Cuts im Text nicht mehr nach

Und es wird vielen nicht passen, dass Schätzing die größte Gefahr für den Bestand des Staates Israel nicht von dessen äußeren Feinden erwartet, die gegenwärtig so schwach und uneinig sind wie noch nie, sondern aus den eigenen Reihen, von den immer lautstarker auftretenden Radikalen unter den Ultraorthodoxen und im "jüdischen Untergrund". Hagen, dem am Tiefpunkt seiner Karriere zwei CDs zugespielt werden, gerät ins Staunen über die Machenschaften innerhalb des Schin Beth, des israelischen Inland-Geheimdienstes. Dass es sich zunächst nur um Informationen zum "Targeting" zu handeln scheint, der gezielten Tötung palästinensischer Aktivisten – geschenkt. Langsam kommt er zwei Dingen von ganz anderer Tragweite auf die Spur. Hier stockt dem Leser der Atem: Denn das eine könnte jederzeit geschehen, das andere aber – und da nun betritt der Autor wirklich vermintes Gelände – ist womöglich bereits geschehen; wenigstens gerät man, wenn man Schätzing liest, sehr ins Grübeln angesichts von Tatbeständen, die sich allgemeiner Bekanntheit erfreuen ... (Die Besprechung muss von beidem schweigen, denn hier liegt der Kern des Plots.) An Vielfalt, Tiefe und Spannung also fehlt es diesem Buch mit seinem riesigen Personal wahrhaftig nicht.

Gleichwohl hat es mit zwei Formproblemen zu kämpfen, die aus dem von Schätzing geschaffenen Doppel-Genre resultieren; einem kleineren und einem großen. Insoweit es sich um einen Action-Thriller handelt, hat es, wie alle vergleichbaren Print-Produkte, mit der technisch überlegenen Konkurrenz des benachbarten Film-Genres zu rechnen. Dieses erzwingt immer raschere Cuts bei Metzeleien und Verfolgungsjagden – so rasch schließlich, dass der Leser, der die Bilder ja nicht unmittelbar sieht, sondern unter Anleitung des Textes im Kopf erst herstellen muss, nicht mehr nachkommt. In diesem Stil vollzieht sich ein großer Teil des Dreier-Turniers zwischen Hagen, den Verrätern im Schin Beth und der Zentrale des Geheimdienstes, die hinter beiden her ist.

Das andere, das große Problem entspringt aus dem Konstrukt der Saga für die Darstellung der Historie Israels. So ziemlich alle handelnden Figuren sind durch Verwandtschaft, Freundschaft, frühere Nachbarschaft verknüpft, jeder kennt jeden. Das trifft in diesem kleinen Land auch bestimmt so zu. Und man kann Schätzing nicht vorwerfen, dass er einseitig für die israelische Sache Partei ergreift; vielmehr gibt er sich, namentlich in den frühen Phasen des Buchs, große Mühe, auch die Plausibilität und Legitimität der arabischen Sache darzutun. Aber die Araber bleiben Randfiguren, im Zentrum stehen immer die jüdischen Familienbande. Und da erweist es sich, dass Blut doch dicker ist als Wasser. Der junge Soldat Uri, der in Beirut dabei war, erleidet eine posttraumatische Belastungsstörung, die sein Privatleben über den Haufen wirft. Dem geht der Roman nach. Dabei hat Uri die Gräuel lediglich gesehen ; was mit denen ist, die sie erlebt haben (wenn auch nicht immer überlebt), interessiert sozusagen nur als Anlass. Der familiäre Zusammenhalt besteht unerschütterlich, ein Bruder bleibt ein Bruder, auch als Schurke, und Leah ist nun einmal die Schwiegertochter und Schwägerin, auch wenn sie alle mit ihrer rechthaberischen Thora-Treue in Fragen des Essens und der Politik nervt. Und es müssen gar keine Schurkereien sein: Herzergreifend gestaltet sich das Schicksal der Gründungsveteranin und Matriarchin Phoebe, die, schon hoch in den Siebzigern, die von ihr mit eigenen Händen aufgebaute Blumenzwiebel-Gärtnerei im Gazastreifen verlassen soll, weil der Friedensprozess dessen Räumung erfordert. Dass die israelischen Siedlungen im besetzten Gebiet für die einheimische Bevölkerung ein enormes Ärgernis bedeuten, weil sie in diesem übervölkerten Landstrich 40 Prozent der Fläche und mehr als die Hälfte des überaus knappen Wassers in Anspruch nehmen, wird zwar erwähnt, aber gegen die starke persönliche Perspektive der Gärtnerin dringt es nicht durch.

Wahrscheinlich wäre es anders nicht gegangen. Wer sich ins mächtige Magnetfeld dieses Konflikts begibt, kann keine mittlere, gerechte Position wahren, sondern wird unweigerlich von demjenigen Pol angezogen, dem er zufällig, und sei es nur ein kleines Stück, näher steht. Das geht nicht nur Romanautoren so. Dieses Feld hat Schätzing mit Bedacht aufgesucht und dessen Kräfte in den Dienst seines eigenen Vorhabens gestellt; mit Erfolg, wie man ihm bescheinigen muss, auch wenn man es widerstrebend tut. So ist ein gut lesbares, ja ein gutes Buch herausgekommen, das nicht davor zurückschreckt, tief fragwürdig zu sein.