DIE ZEIT: Frau Hannig, Sie kennen dieses Zitat gewiss. Es ist Sonntag, der 28. Juni 1914. In Wien ist gerade die Nachricht von dem Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajevo eingetroffen, das zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führen wird. Und der Reichstagsabgeordnete Josef Redlich, den Sie auch in Ihrer Biografie des Thronfolgers zu Wort kommen lassen, schreibt in sein Tagebuch: "Vielleicht wird man sagen dürfen: ›Gott hat es gut gemeint mit Österreich, dass er ihm diesen Kaiser erspart hat‹ – einen von den Folgen der Lues und von Tuberkulose schwer angekränkelten Mann, dem einer, der ihn gut kannte, die Fühllosigkeit und Grausamkeit eines asiatischen Despoten nachgesagt hat." Wie unbeliebt war dieser Erzherzog?

Alma Hannig: Er war in weiten Kreisen unbeliebt. Aber das bessere Attribut wäre: Er war weitgehend unbekannt. Die Menschen konnten ihn nicht einschätzen. Es kursierten viele Geschichten und Gerüchte über ihn, aber kaum jemand kannte ihn wirklich. Er war viel zu wenig präsent.

ZEIT: Die meiste Zeit verbrachte er in seinem böhmischen Schloss Konopischt.

Hannig: Der Grund dafür ist ganz simpel. Seine Frau Sophie, eine geborene Gräfin Chotek, galt bei Hofe als nicht standesgemäß und wurde dementsprechend behandelt. Das wollte er nicht täglich erleben müssen. So blieb er für viele eine diffuse Erscheinung. Diejenigen, die ihn aber gut kannten, hatten meist schon ein positives Bild von ihm.

ZEIT: Auch sein Jugendfreund Prinz Gottfried zu Hohenlohe meinte, er sei unzuverlässig, reizbar, oberflächlich und "von jedem Pflichtgefühl bar". Den Charakter beurteilte er als "niederträchtig".

Hannig: Franz Ferdinand war keine Person, die man spontan ins Herz schließen konnte.

ZEIT: Insgesamt eine janusköpfige Persönlichkeit. Einerseits ein fürsorglicher Familienmensch und anderseits cholerisch, starrsinnig, autoritär, schießwütig und bigott.

Hannig: Er ist eine ganz schwer fassbare Person. Im Lauf der Zeit hat sich sein Charakter nur sehr wenig verändert. Die Ablehnung bei Hofe hat ihn nur noch härter gemacht. Schon seine Lehrer schreiben, im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Otto, der immer liebenswürdig und lustig sei, erscheine Franz Ferdinand mürrisch und nachlässig. Er bemühte sich auch nie darum, positiv wahrgenommen zu werden. Er wunderte sich immer über den befreundeten deutschen Kaiser Wilhelm II., der großen Wert auf seine Beliebtheit legte. Das war für ihn völlig unwichtig. Sein Standpunkt war, dass er dereinst als Kaiser respektiert werden sollte, aber geliebt werden, das müsste er nicht.

ZEIT: Das ist ein fast vormodernes Selbstverständnis eines Herrschers.

Hannig: Er hat manche Zeichen der Zeit nicht gesehen. In das Bild eines Monarchen des 20. Jahrhunderts passte er überhaupt nicht mehr hinein.

ZEIT: Wurde er nicht auch zunehmend verbittert? Er wartete 25 Jahre lang auf die Thronbesteigung. Jedes Mal, wenn Franz Joseph erkrankte, keimte in ihm vergeblich Hoffnung auf. Musste er nicht fürchten, er würde gar nicht mehr an die Reihe kommen oder das Reich würde zerfallen, bevor er es reformieren könne?

Hannig: Darüber machte er sich in der Tat Sorgen. Hinzu gesellte sich ein zusätzliches Problem: Ihm kamen alle seine Berater, die er sich aufgebaut und für die er wichtige Funktionen vorgesehen hatte, abhanden, weil sie Franz Joseph übernahm. Der bekannteste Fall ist sein Lehrer Max Wladimir von Beck, der 1906 Ministerpräsident wurde. Und der Thronfolger ärgerte sich ungeheuer, dass sein Vertrauter den Posten annahm und dann loyal zum Kaiser stand. Jedes Mal, wenn Franz Joseph den Eindruck hatte, sein Neffe überschreite die Grenzen, wies er ihn in die Schranken. Klar war er enttäuscht.

ZEIT: Zudem war der Kaiser dem Thronfolger in inniger Abneigung verbunden.

Hannig: Das hat sich über lange Jahre aufgebaut. Von allem Anfang an schätzte Franz Joseph den neuen Thronfolger nicht, diesen komplizierten Charakter, mit dem man sich immer auseinandersetzen musste und der sich fortwährend in die Politik einmischte. Nachdem Franz Ferdinand dem Kaiser die Heirat mit Sophie abgepresst hatte, konnte diese Beziehung natürlich nicht mehr besser werden. Katharina Schratt, die Gefährtin des alten Franz Joseph, schreibt, dass der Kaiser jeder Audienz mit dem Thronfolger entgegenbange. Am liebsten würde er ihn gar nicht mehr sehen.