Die sozialen und psychischen Folgen des Reaktorunglücks, die sich in der entvölkerten Kleinstadt beobachten lassen, erinnern – bei allen technischen und politischen Unterschieden – an die Verheerungen eines anderen Atomunfalls. Rund um Tschernobyl untersuchten 1989, drei Jahre nach der Havarie, Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Atomenergiebehörde, wie sich die Katastrophe auf die Gesundheit der dort lebenden Menschen ausgewirkt hatte. Während sie damals noch keine auffällige Häufung von körperlichen Erkrankungen feststellen konnten, war das psychische Leiden deutlich zu erkennen – und erheblich: In den betroffenen Dörfern war sich jeder zweite Befragte sicher, unter einer Krankheit zu leiden, die mit der Radioaktivität zusammenhängt. 70 Prozent der Bevölkerung hofften damals auf eine Umsiedlung. Wie hoch die tatsächliche Gefahr war, spielte für den Leidensdruck keine Rolle. Allein das Risiko und die Ungewissheit führten zu psychischem Stress und Schlaflosigkeit. Viele Menschen kehrten ihrer Heimat den Rücken.

In Minamisoma sind die Parallelen augenscheinlich. Die äußere Strahlenbelastung liegt hier zumeist bei 0,1 bis 0,2 Mikrosievert pro Stunde. Nur an vereinzelten Flecken übertrifft sie ein Mikrosievert. Wer von Deutschland nach Japan reist, bekommt schon im Flieger aufgrund der kosmischen Höhenstrahlung eine stärkere Dosis ab als innerhalb einer Woche vor Ort. Die Behörden versichern, dass nirgendwo sonst Lebensmittel so genau auf radioaktive Stoffe kontrolliert würden wie hier. Trotzdem hat sich in Minamisoma die Zahl der Schüler halbiert. Eltern fürchten nach wie vor um die Gesundheit ihrer Kinder. Ihr Vertrauen in die Behörden wurde durch den Unfall vom März 2011 und das fragwürdige Krisenmanagement danach (ZEIT Nr. 49/13) erschüttert. Zu tief sitzt die Angst vor der Gefahr durch verseuchte Lebensmittel und falsche Messwerte. Bleiben oder gehen: Die Entscheidung ist zur Generationenfrage geworden. Die Jungen flüchten vor dem dumpfen Gefühl des Restrisikos, und die Alten bleiben zurück in einer Stadt, deren Gemeinschaft erodiert.

Einer der wenigen jungen Menschen, die noch da sind, ist Kazuki Matsumoto. Der 20-Jährige stammt aus Odaka, genau wie Frau Furuuchi. Früher hat er mit seinen Kumpeln in einer Punkband gespielt: er mit seinen leicht schiefen Vorderzähnen und den zerzausten schwarzen Haaren im Rampenlicht, seine Kumpel dahinter. Nach dem Beben und dem AKW-Unglück trotzten sie mit Rocksongs in eigenwilligem Englisch der Ohnmacht. Heute ist die jugendliche Unbeschwertheit fort.

Früher Heimat, heute Museum

Bassist, Gitarrist und Schlagzeuger leben über Japan verstreut, studieren und arbeiten fernab der Heimat. Sie haben mitbekommen, wie Steine nach Autos mit Kennzeichen aus Fukushima geworfen wurden. Einem der Jungs hielt ein Mitstudent vor: "Du hast es gut, du kriegst jeden Monat einen dicken Scheck von Tepco." Mitleid für ihre Lage gab es selten. Psychologen befürchten bereits, die Nuklearkatastrophe könne eine neue Kaste Stigmatisierter – sogenannter Hibakusha – hervorbringen, so wie 1945 die Atombombenabwürfe der Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki. Auch Kazukis Freunde wollen nicht zurück. Sie sehen keine Zukunft für sich in Minamisoma.

Kazuki hat versucht, in Tokio Fuß zu fassen, ihm ging es am Ende wie der 85-jährigen Frau Furuuchi: Die Megacity war ihm zu anonym und zu hektisch. Ihm fehlte die Natur. Schließlich zog er zurück zu seinen Eltern. Die haben ein kleines Haus in einem anderen Viertel Minamisomas angemietet, solange Odaka noch eine Heimat mit Beschränkungen ist. Von dieser fremd gebliebenen Bleibe aus fährt Kazuki regelmäßig zurück in sein Zuhause. In der Scheune des alten Hofs stehen noch Mikrofon und Schlagzeug, hier kann er seinen Frust heraustrommeln.

Kazuki Matsumoto steht in der Scheune, wo früher seine Band probte.

Während Kazuki über den Hof führt, erzählt er von Bandproben bis spät in die Nacht. Oft seien sie danach noch hinüber ins Haus gegangen, um im Wohnzimmer zu sitzen und über die Schule und Mädchen zu quatschen.

Kazuki reißt die Schiebetüren am Hauseingang auf. Ein leicht muffiger Geruch zieht heraus, und für einen Augenblick kommt ein konservierter Alltag ans Tageslicht: Im Wohnzimmer hängt ein Kalenderblatt vom März 2011, vor dem Hausschrein sammelt sich der Staub auf einer Flasche mit Tee – einer Opfergabe für die Vorfahren, die hier seit Generationen gelebt haben. Kazuki betritt sein Zimmer, und der Blick schweift über vergilbte Rockband-Poster.

"Das Haus ist für mich wie ein Museum. Es hilft mir, die schönen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen", sagt Kazuki. "Aber wieder hierher zurückzukehren und hier zu wohnen, das kann ich mir nicht vorstellen." Am Ende schließt er die Haustür ganz vorsichtig, wie eine Schatztruhe.

Die Angst vor der Radioaktivität bleibt

An Setsubun, dem japanischen Fest zum Jahreszeitenwechsel, sitzt Kazuki bei Freunden. Draußen ist die Nacht kalt und pechschwarz, der Mond leuchtet als dünne Sichel. Drinnen soll gleich symbolisch das Böse ausgetrieben werden. Ein Jugendlicher setzt sich dafür eine traditionelle rote Maske mit furchterregender Grimasse auf und übernimmt damit die Rolle des Dämons. Auf ein Zeichen hin werfen die übrigen Anwesenden johlend Erdnüsse und Bohnen nach ihm. Nur Kazuki sitzt schweigend im Hintergrund und lässt eine Schachtel Zigaretten durch seine Hände gleiten. Er weiß, das größte Problem seiner Heimat, die Angst vor der Radioaktivität, lässt sich nicht vertreiben.

Im November will er den zweiten Versuch eines Lebens fernab der Heimat wagen. Dieses Mal müsse es klappen, sagt er. Kazuki will für ein Jahr nach Kanada auswandern, und so stapeln sich neben seiner E-Gitarre und den Videospielen die Englischbücher. Wie es nach diesem Abenteuer weitergehen soll, weiß er noch nicht. Seine Eltern haben erklärt, ihretwegen müsse er nicht zurück nach Minamisoma kommen – sie wüssten ja selbst nicht, ob sie bleiben werden.

Dabei hat Kazuki keine großen Wünsche für die Zukunft. Draußen in der Natur arbeiten, Kinder bekommen und alt werden. Ein Leben, wie es Frau Furuuchi und Kazukis Vorfahren hier vergönnt gewesen ist. Nur ist Minamisoma für solche Wünsche der falsche Ort.

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