Tooooooooooooor! – Seite 1

Im Mai 2013 fuhr ich mit L., meinem alten Freund, nach London, um das Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund zu sehen. Wir fuhren mit dem Bus zum Wembley-Stadion, eine Fehlentscheidung, wie wir bald wussten, denn zwei Stunden lang quälten wir uns durch den Stadtverkehr und dann durch den Stadtteil Wembley, vorbei an tief verschleierten Frauen und an Halal-Metzgern, denn die Bewohner Wembleys sind heute zum großen Teil muslimischen Glaubens.

Es war eine sentimentale Reise, denn L. und ich hatten mehr als dreißig Jahre zuvor als Sportjournalisten gemeinsam zu arbeiten begonnen, wir hatten jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch in der Redaktion gesessen, ein Telefon geteilt und einen jungenhaften Spaß an der Arbeit gehabt, wie er so nie, wirklich niemals, wiederkehrte.

Und nun saßen wir noch einmal zusammen im Bus zum Stadion und dann auf der Tribüne, und obwohl wir nichts würden schreiben müssen, sondern einfach nur alles genießen wollten, wurden wir, je näher das Spiel rückte, nervöser und nervöser, L. noch viel mehr als ich, und das, obwohl er einer der ältesten Hasen unter den Fußballschreibern ist.

Denn: Hier stand ja noch etwas mehr zur Disposition als ein Pokal, und sei es auch der wichtigste in Europa. Einige der wichtigsten Bayern-Spieler, die aufliefen, hatten zum größten Teil schon zwei Mal in einem solchen Finale gestanden, beide Male hatten sie verloren.

Das unterschied sie von den Dortmundern, für die es ein anderes Spiel war: groß und großartig auch, aber ohne diese existenzielle Bedeutung. Viele der Bayern spielten in der deutschen Nationalelf, die nun auch schon bei zwei Welt- und einer Europameisterschaft an ihrem Anspruch gescheitert war, einen der großen Titel zu gewinnen. Eine weitere entscheidende Niederlage würden die Lahms und Schweinsteigers vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich nicht verkraften. Sie würden daran zerbrechen, abgestempelt als die gescheiterte Generation jener, die, all ihren Talenten und Chancen zum Trotz, nie etwas wirklich Großes gewinnen konnten.

Das gehört ja zur Faszination des Fußballs: dass er einerseits, für das Publikum nämlich, zunächst einmal Theater ist und ein Spiel, andererseits für jene, die auf dem Platz stehen, pure Wirklichkeit und echtes Leben.

Jedes Spiel und jede Saison ist eine solche Expedition ins Ungewisse, ein immer neues Abenteuer, an dessen Ende etwas Großartiges oder etwas Schreckliches stehen kann, Sieg, Niederlage, das Wahrscheinliche oder das komplett Unerwartete, eine scheußliche Verletzung, eine unvergessliche Szene, ein Tor für die Annalen des Fußballs, irgendwas.

Und nach einer Niederlage hier wäre es für viele von denen da unten auf dem Rasen von Wembley ein in vieler Hinsicht zunächst einmal gescheitertes Leben gewesen, allen Erfolgen vor- und vielleicht auch nachher zum Trotz: ein in diesem Moment kaum auszuhaltendes Zerbrechen von Träumen. Und dann aber doch wieder, bei allem Ernst: ein Spiel.

Einfach junge Männer eben

Jedoch: So kam es nicht. Die Bayern hielten der anfänglichen Wucht des Dortmunder Spiels zwanzig, fünfundzwanzig Minuten lang stand, dann entwickelte sich aus diesem Druck heraus langsam ihr Spiel, und am Schluss waren sie die überlegene, siegreiche Mannschaft, ein großartiges, nicht eigentlich mitreißendes, aber ungeheuer spannendes und interessantes und intensives Spiel.

Man liest und hört immer wieder vor so großen Partien, die Teilnehmer hätten nun die Chance, unsterblich zu werden. Günter Netzer sagte das zum Beispiel vor dem Spiel der Deutschen gegen die Engländer bei der Weltmeisterschaft 2010, und das war bloß ein Achtelfinale. Netzer wusste, wovon er redete, er ist selbst unsterblich, er hat Dinge getan, die man nie vergessen wird. Zum Beispiel hat er sich im Pokalfinale 1973 zwischen Gladbach und Köln selbst eingewechselt, nie hatte einer vorher so was getan, nie wieder wird das geschehen. Netzer sagte vor Beginn der Verlängerung zum erschöpft am Boden liegenden Gladbacher Kameraden Kulik, er solle draußen bleiben, er, Netzer (der bislang nicht zur Elf gehörte), werde ihn ersetzen.

Netzer schoss das Siegtor für Gladbach.

Das Schöne an der Unsterblichkeit ist im Falle Netzer: Er kann sie zu Lebzeiten genießen. Das ist, was wir alle uns wünschen, was aber nur im Fußball möglich ist: Wir möchten unsterblich sein, aber wir möchten auch etwas davon haben! Kann zum Beispiel Goethe, der zweifellos ein Unsterblicher ist, sich seiner Unsterblichkeit erfreuen? Steht er, während ich das Wort Goethe schreibe, unsichtbar neben mir und denkt, was für ein Hecht er, Goethe, doch sei, wenn selbst mindere Autoren sich seiner plötzlich und sogar im Zusammenhang mit Fußball erinnern? Geistert Goethe um seine Denkmäler herum, von der eigenen Bedeutung ergriffen? Oder: Nützt es der Qualle Turritopsis nutricula, dass nach ihrem Absterben aus Zellen ihres Außenschirms neue, sexuell unreife Medusen entstehen? Sodass diese eine, quasi identische Qualle als Individuum den Lebenszyklus wieder neu durchläuft und wieder und wieder und wieder. Das ist, als ob man nach dem hoffentlich fernen Tode Netzers aus seinen Haarspitzen neue Günternetzers gewänne, die wiederum ins Fußball-Leben eingewechselt würden.

Noch mal zu diesem England-Spiel 2010: Nur einer ist ja wirklich unsterblich geworden an jenem Tag, das war der Schiedsrichter Jorge Larrionda, der als einziger Mensch auf Gottes großer Erde nicht sah, dass ein von Lampard getretener Ball in der 38. Minute hinter der deutschen Torlinie gelandet war, sodass nun jetzt in diesem Moment und auch noch in Jahrzehnten und lange nach Larriondas Tod die Menschen, wenn sein Name erklingt, sagen werden: Larrionda, Larrionda – war er nicht jener Schiedsrichter?

Ja, er war’s.

Aber wie gerne wäre er es nicht gewesen!

Mitten in der Nacht standen die Spieler dann auf der Bühne des Bankettsaals im Grosvenor House, die meisten schon leicht betrunken, alle im Rausch ihres größten Erfolgs, präsentiert vom Stadionsprecher des FC Bayern, einem dieser überdrehten, hysterisch-kumpelhaften Moderatorenmänner, wie man sie im Dunstkreis erfolgreicher Mannschaften immer findet: eine Mannschaft junger Kerle, von denen die meisten in diesem Moment schon fast für den Rest ihres Lebens ausgesorgt hatten, materiell jedenfalls – aber kam es darauf wirklich an? Es waren doch eben jetzt einfach junge Männer, fröhlich, unbeschwert, juxend.

Unten an den Tischen: Edmund Stoiber, Martin Winterkorn, Horst Seehofer. Männer, Männer, Männer. Das Geräusch des Abends? So ein Puff-Puff-Puff, dieses Rückenklopfen, mit dem Männer sich umarmen, als wollten sie den Staub aus dem anderen herausklopfen.

Fußball erzeugt Gefühle, er ist ein Geschäft mit diesen Gefühlen, er wäre sinnlos ohne sie: sehr große, rasch aufbrandende, sich bisweilen zu außerordentlicher Höhe türmende Empfindungen. Aber sind es nicht sehr hohe Wellen in einem flachen Becken? Und am Ende, wenn der Sturm vorbei ist, dann ist da nur noch Wasser in einem Becken, flaches Wasser. Fußballgefühle sind immer gleich, sie sind überschaubar und auf den Fußball beschränkt, sie ändern nichts und rühren den Menschen im Kern nicht wirklich an. Es ist ein Männersport, damit hat das wohl zu tun. Ich habe das immer gemocht, aber immer auch nur für eine beschränkte Zeit, es hat mich fast jedes Mal sehr schnell gelangweilt, und zwar spätestens dann, wenn ich dieses Puff-Puff-Puff hörte.